Am 8. Mai blickt Wiesbaden zurück – und nach vorn. Eine Gedenkstunde im WerkRaum stellt das Kriegsende und den Neubeginn neu zur Diskussion.
Wer glaubt, Geschichte sei abgeschlossen, irrt. Sie meldet sich zurück – manchmal leise, manchmal unbequem. Am Freitag tut sie beides. Und Wiesbaden hört hin. Im WerkRaum in der Langgasse beginnt um 17 Uhr eine Gedenkstunde, die mehr will als erinnern. Sie fragt, sie kratzt, sie stellt Gewissheiten auf den Prüfstand. Das Kriegsende am 8. Mai ist ein Datum, das bis heute nicht nur verbindet, sondern auch trennt.
WerkRaum Wiesbaden, kurz gefasst
Gedenkstunde – 8. Mai, Kriegsende
Teilnahme: frei
Wann: Frietag, 8. Mai 2026
Wo: WerkRaum, Außenstelle Sport Scheck, Langgasse 5-9, 65183 Wiesbaden
Ein Datum, viele Geschichten
Für viele war der 8. Mai ein Tag der Rettung. Für andere ein Tag der Niederlage. Und für die meisten: ein Moment der Orientierungslosigkeit. Die nationalsozialistische Herrschaft brach zusammen, doch ihre Spuren blieben. Menschen verloren Angehörige, Wohnungen, Sicherheiten. Städte lagen in Trümmern, Verwaltungen funktionierten nur noch auf dem Papier. Gleichzeitig kehrten Kriegsgefangene zurück, Zwangsarbeiter verließen Deutschland, neue politische Kräfte suchten ihren Platz.
Der Begriff „Stunde Null“ wirkt im Rückblick fast wie ein Wunschtraum. Denn nichts begann bei null.
Entnazifizierung: Anspruch und Wirklichkeit
Nach einem Grußwort von Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende richtet der Historiker Dr. Philipp Kratz den Blick auf ein besonders heikles Kapitel: die Entnazifizierung. Auf dem Papier sollte sie klar sein. Wer belastet war, sollte Verantwortung tragen. Wer beteiligt war, sollte nicht einfach weitermachen. In der Praxis jedoch verlief vieles anders.
Verfahren zogen sich, Zuständigkeiten wechselten, Entscheidungen fielen uneinheitlich. In vielen Fällen kehrten ehemalige Funktionsträger in ihre Ämter zurück – aus Mangel an Alternativen, aus Pragmatismus, manchmal auch aus Bequemlichkeit. Wiesbaden bildet hier keine Ausnahme. Die lokale Perspektive zeigt, wie schwer sich der Übergang gestaltete. Alte Netzwerke wirkten fort, neue Strukturen mussten erst entstehen. Demokratie entwickelte sich nicht geradlinig, sondern tastete sich Schritt für Schritt voran.
Machtverhältnisse im Wandel
Zwischen 1945 und 1955 verschoben sich die Kräfte langsam. Die Alliierten bestimmten zunächst die Richtung, lokale Akteure füllten sie aus. Verwaltung, Politik, Gesellschaft – alles musste sich neu sortieren. Dabei entstand kein sauberer Schnitt, sondern ein Nebeneinander von Alt und Neu. Menschen mit Vergangenheit arbeiteten an einer Zukunft, die sich erst noch definieren musste. Diese Ambivalenz macht die Gedenkstunde so relevant. Sie zeigt: Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Einer, der Konflikte braucht und Auseinandersetzung verlangt.
Erinnerung als Zumutung
Der 8. Mai wird heute oft als „Tag der Befreiung“ bezeichnet. Ein Begriff, der sich erst Jahrzehnte später durchgesetzt hat. In den frühen Nachkriegsjahren dominierte ein anderes Gefühl: Verlust. Erinnerung wandelte sich – und mit ihr der Blick auf die Geschichte. Was lange verdrängt wurde, rückte ins Zentrum. Fragen nach Schuld, Verantwortung und Mitwirkung lassen sich bis heute nicht abschließend beantworten.
Die Gedenkstunde greift genau diese Spannungen auf. Sie lädt nicht nur zum Zuhören ein, sondern zum Mitdenken. Wer kommt, verlässt den Raum nicht mit einfachen Antworten, sondern mit neuen Perspektiven.
Ein Raum für Fragen
Der WerkRaum bietet dafür den passenden Rahmen. Kein Monument, kein erhobener Zeigefinger. Stattdessen ein Ort, der Gespräch zulässt. Hier trifft Vergangenheit auf Gegenwart. Und plötzlich wird klar: Der 8. Mai ist kein abgeschlossenes Kapitel. Er wirkt weiter – in Debatten, in Erinnerungen, in der Art, wie Gesellschaft sich selbst versteht.
Symbolfoto ©2026 Wiesbaden lebt
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