Fernsehlegende Dieter Kürten kommt nach Wiesbaden. Beim „Tee mit…“ erzählt er von Sport, Leben und Glauben.
Wenn Dieter Kürten sprach, hörten viele nicht nur zu – sie erinnerten sich. An Olympische Spiele, an legendäre Fußballabende, an eine Zeit, in der Sport noch anders erzählt wurde. In der Reihe Tee mit … zeigte sich der frühere ZDF-Reporter am Dienstagnachmittag auf Einladung des Seniorenbeirats so persönlich wie selten.
Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur Erinnerungen an eine außergewöhnliche Karriere, sondern auch ein aktuelles Thema, das den 91-Jährigen sichtbar beschäftigte: der Glücksatlas. Dass Wiesbaden darin nicht zu den Spitzenreitern zählt, konnte er kaum nachvollziehen. „Ich kann das, was ich von Wiesbaden höre, nicht bestätigen“, sagte er und widersprach damit den eben erst veröffentlichten Ergebnissen der Studie.
„Ich habe die besten Erfahrungen gemacht“
Als Dieter Kürten Anfang der 1960er Jahre nach Wiesbaden kam, suchte er eigentlich nur den nächsten Schritt seiner beruflichen Laufbahn. Das junge Fernsehen lockte, das Abenteuer reizte. Doch aus dem geplanten Zwischenstopp wurde mehr. Wiesbaden blieb. Und wurde Heimat.
„Ich habe die allerbesten Erfahrungen mit Wiesbaden gemacht“, betonte der langjährige Fernsehjournalist mehrfach. Für ihn ist die Stadt kein abstrakter Wert in einer Statistik, sondern gelebter Alltag. Er erinnerte sich an seine ersten Eindrücke, an die Fahrt in die Stadt und an den Moment, als der Hauptbahnhof vor ihm auftauchte wie ein „Schlösschen“. Solche Bilder haben sich bis heute eingeprägt.
Im Laufe der Jahre lernte er seine Wahlheimat schätzen. Die gewachsenen Viertel, die Nähe zum Wald und die eleganten Straßenzüge beeindruckten ihn bis heute. „Diese Häuserpracht“, sagte er, und in diesem Satz schwang weit mehr mit als architektonische Bewunderung. Es war der Blick eines Mannes, der seine Stadt über Jahrzehnte begleitet hat.
Gleichzeitig blieb er kein unkritischer Beobachter. Der ehemalige Sportstudio-Moderator sprach offen über Veränderungen, über leerstehende Geschäfte und über Bereiche der Innenstadt, die aus seiner Sicht an Ausstrahlung verloren hätten. Auch der Umgang der Menschen miteinander habe sich verändert. Doch all das stellte für ihn das Gesamtbild nicht infrage.

Im Gegenteil. Gerade im Vergleich zu vielen anderen Städten empfindet er Wiesbaden weiterhin als privilegierten Ort zum Leben. „Ich kann das nicht bestätigen“, sagte er erneut mit Blick auf die Ergebnisse des Glücksatlas. Für ihn bleibt die Stadt lebenswert – vielleicht gerade deshalb, weil sie sich nicht in Zahlen und Rankings erfassen lässt.
Humor, der verbindet
Dass Kürten bei aller Ernsthaftigkeit stets eine feine Portion Humor mitbrachte, zeigte sich an diesem Nachmittag immer wieder. Besonders eine Geschichte ließ die rund 50 Besucher im Gemeindesaal zunächst gespannt lauschen – und schließlich herzhaft lachen: die legendäre Episode mit Johnny Weissmüller.
Anfang der 1970er Jahre hatte das „Aktuelle Sportstudio“ den Tarzan-Darsteller und ehemaligen Olympiasieger eingeladen. Für Kürten stand sofort fest, dass dieser Besuch kein gewöhnlicher werden durfte. „Wenn der Tarzan kommt, brauchen wir einen Affen“, erinnerte er sich an seinen spontanen Gedanken – eine Idee, die ebenso kühn wie riskant war.
Was folgte, geriet schnell außer Kontrolle. Tatsächlich organisierte das Team zwei Schimpansen, einer davon als Begleittier. Doch kaum hatte Weissmüller seinen Platz im Studio eingenommen, wurde es turbulent. Die Tiere sprangen umher, kletterten über Kulissen und sorgten für genau jenes Chaos, das im Fernsehen eigentlich niemals passieren sollte.
Weissmüller, so erzählte der 91-Jähirge mit sichtlichem Vergnügen, habe Affen ohnehin nie besonders gemocht. „Die haben ihn gebissen und von oben bis unten bepinkelt“, berichtete er trocken. Genau das geschah dann auch vor laufender Kamera. Zuschauer lachten, riefen durcheinander und verfolgten das Spektakel begeistert. Für einige Minuten war von geordnetem Sendungsablauf keine Rede mehr.
Mitten in diesem Durcheinander stand Kürten selbst. „Ich konnte gar nichts mehr machen“, erinnerte er sich. Ansagen gingen im Lärm unter, Beiträge mussten warten, jede Planung war vergessen. Und doch entstand in diesem Moment etwas, das sich weder inszenieren noch proben lässt: echtes Fernsehen.
Es war diese Mischung aus Improvisation, Mut und Gespür für Unterhaltung, die das „Aktuelle Sportstudio“ damals prägte. Und es war genau dieser Humor, der auch Jahrzehnte später noch Menschen miteinander verband.
Mehr als Sport: Haltung und Lebensblick
Zwischen den vielen Anekdoten, die mal heiter, mal nachdenklich ausfielen, wurde immer wieder deutlich, worum es Dieter Kürten im Kern ging. Für ihn war Sport nie nur ein Wettbewerb um Tore, Zeiten oder Medaillen. Er verstand ihn stets als Spiegel der Gesellschaft – als Bühne, auf der sich Erwartungen, Werte und Haltungen offenbaren.
Mit ruhiger Stimme, aber klarer Haltung kritisierte er den deutschen Hang zur Überhöhung. Siege würden häufig als selbstverständlich angesehen, Niederlagen dagegen umso härter bewertet. „Warum müssen ausgerechnet wir Weltmeister werden?“, fragte er mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Amerika. Die Frage wirkte beiläufig, traf aber einen Nerv. Denn sie stellte den Anspruch infrage, immer an der Spitze stehen zu müssen.
Sein Blick auf das Leben speiste sich aus Erfahrungen, die weit über den Sport hinausreichen. Kürten gehört zu einer Generation, die Krieg, Entbehrung und Wiederaufbau nicht aus Erzählungen kennt, sondern selbst erlebt hat. Diese Prägung schwang in vielen seiner Aussagen mit.
„Uns geht es gut“, sagte er schlicht und ohne Pathos. Aus dieser Überzeugung leitete er eine Haltung ab, die heute fast ungewöhnlich wirkt: Dankbarkeit. Und mehr noch – Verantwortung. Für andere Menschen, für das gesellschaftliche Miteinander und für den eigenen Umgang mit dem Leben.
Glaube als leiser Kompass
Neben Sport, Gesellschaft und persönlichen Erinnerungen sprach der frühere ZDF-Journalist auch über ein Thema, das ihn seit Jahrzehnten begleitet: seinen Glauben. Nicht laut, nicht belehrend, sondern ruhig und selbstverständlich. Für ihn sei der Glaube kein Rückzugsort, sondern eine Haltung, die durch das Leben trage.
„Ganz sicher“, antwortete er auf die Frage, ob sein Optimismus auch daraus schöpfe. Schon früh habe er sich an christlichen Werten orientiert, geprägt von seiner Familie und den Erfahrungen seines Lebens. Gerade in schwierigen Zeiten habe ihm dieser innere Kompass geholfen, Zuversicht zu bewahren.
Dabei machte er keinen Hehl daraus, dass Glaube keine einfachen Antworten liefert. Vieles müsse der Mensch selbst tragen, entscheiden und aushalten. Doch genau darin liege eine Stärke: in der Zuversicht, nicht allein zu sein, und zugleich in der Verantwortung, das eigene Leben bewusst zu gestalten.

Ein Nachmittag, der nachwirkte
Als sich die Veranstaltung dem Ende näherte, blieb keine große Pointe zurück. Stattdessen hallten Gedanken nach, die weit über den Sport hinausreichten. Dieter Kürten hatte von Erfolgen erzählt, von Begegnungen mit Weltstars und von den großen Momenten des Fernsehens. Am stärksten wirkten jedoch jene Passagen, in denen es um Dankbarkeit, Zuversicht und Verantwortung ging.
Vielleicht lag genau darin die eigentliche Botschaft dieses Nachmittags: dass Glück weniger mit Statistiken zu tun hat als mit der Frage, wie man auf das eigene Leben blickt.
Foto – Tee mit Dieter Kürten© 2026 Volker Watschounek
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