Mit Musik und bewegenden Reden hat Wiesbaden erstmals den Veteranentag begangen – ein Tag für Anerkennung, Erinnerung und Dialog.
Mit einem feierlichen Auftakt im Festsaal des Rathauses hat Wiesbaden am Montag erstmals den Veteranentag begangen. Musik von Max Bruch, interpretiert vom chinesischen Duo Siyang Lu und Xiangyun Zhang, eröffnete die Veranstaltung und setzte einen ruhigen, zugleich würdevollen Ton für einen Abend, der ganz im Zeichen von Anerkennung und Erinnerung stand.

Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende begrüßte zahlreiche Gäste aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft, darunter Stadtverordnete, aktive Soldaten, Reservisten und Vertreter der Stadtgesellschaft. „Ich freue mich, Sie erstmals hier im Rathaus zum Veteranentag begrüßen zu dürfen“, sagte Mende und betonte die Bedeutung dieses neuen Gedenktages.
Ein neues Zeichen der Wertschätzung
Der Veteranentag geht auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2024 zurück. Ziel ist es, die Leistungen aktiver und ehemaliger Soldaten stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Für Mende ist das ein notwendiger Schritt: „Unsere Demokratie ist heute von innen und außen bedroht. Frieden und Freiheit sind nicht selbstverständlich – sie müssen geschützt werden.“
Mit Blick auf internationale Krisen, insbesondere den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, machte Mende deutlich, wie eng Sicherheitspolitik und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbunden sind. Der Veteranentag sei deshalb mehr als ein symbolischer Akt – er solle den Dialog zwischen Bundeswehr und Gesellschaft stärken.

Wiesbaden und die Bundeswehr
Die Landeshauptstadt blickt auf eine lange militärische Tradition zurück. Als ehemalige Garnisonsstadt ist Wiesbaden bis heute eng mit der Bundeswehr verbunden. Einrichtungen wie das Landeskommando Hessen oder das Familienbetreuungszentrum zeigen, wie vielfältig die Aufgaben sind – von territorialer Verteidigung bis zur Unterstützung von Angehörigen im Einsatz.
Zugleich verwies Mende auf die enge Zusammenarbeit mit den amerikanischen Streitkräften, die seit Jahrzehnten das Stadtbild prägen. Wiesbaden sei ein Ort internationaler Partnerschaft und sicherheitspolitischer Verantwortung.
Persönliche Einblicke aus dem Dienst
Einen besonders eindrücklichen Teil des Abends gestaltete Oberstabsfeldwebel Bernd Kemper. In seinem Vortrag schilderte er seinen Weg durch die Bundeswehr – von den frühen Jahren nach der Wiedervereinigung bis zu Einsätzen im Ausland.
„Die Bundeswehr hat mich viel gelehrt“, sagte Kilian. Seine Erfahrungen aus der Awacs-Mission über Bosnien hätten ihn bis heute geprägt. Besonders bewegend waren seine Erinnerungen an die Ereignisse der 1990er Jahre: „Dieser Flug belastet mich bis heute, weil ich das Gefühl habe, dass wir diese Menschen nicht ausreichend schützen konnten.“
Kemper sprach offen über die Herausforderungen des Dienstes, aber auch über die Kameradschaft, die ihn bis heute begleitet. „Durch diese Kameradschaft habe ich Freunde fürs Leben gefunden“, sagte er.

Zwischen Erinnerung und Zukunft
Der Veteranentag in Wiesbaden war mehr als eine feierliche Premiere. Er wurde zu einem Moment der Verdichtung – zwischen persönlicher Erinnerung, politischer Einordnung und der Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Soldatinnen und Soldaten umgeht.
Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende rückte in seiner Rede bewusst jene in den Mittelpunkt, die oft unsichtbar bleiben. Es seien nicht nur die Einsätze selbst, die Spuren hinterlassen, sondern auch das, was danach bleibe. „Manche tragen sichtbare oder unsichtbare Spuren ihres Dienstes“, sagte Mende. Damit sprach er eine Realität an, die lange wenig Raum im öffentlichen Diskurs hatte: körperliche Verletzungen, psychische Belastungen, gebrochene Biografien – und Familien, die diese Erfahrungen mittragen.
Der Veteranentag sei deshalb nicht nur ein Tag der Anerkennung, sondern auch ein Tag des Innehaltens. Ein Tag, der daran erinnert, dass militärischer Dienst in einer Demokratie immer mit persönlichem Risiko verbunden ist – im Extremfall mit dem Einsatz des eigenen Lebens. Wiesbaden gab diesem Gedanken einen würdevollen Rahmen, ohne Pathos, aber mit spürbarer Ernsthaftigkeit.
Gleichzeitig öffnete der Blick in die Geschichte eine zweite Ebene. Dr. Peter M. Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs Wiesbaden, ordnete den Veteranentag in seinem Vortrag in größere Zusammenhänge ein. Er sprach von einer möglichen Zäsur in der deutschen Erinnerungskultur – und davon, dass sich das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Bundeswehr langsam verschiebt.
Über Jahrzehnte habe Deutschland mit militärischer Tradition gerungen. Die Bundeswehr sei nach 1955 bewusst ohne starke Symbolik gestartet, geprägt von der Distanz zur Wehrmacht und der historischen Last des 20. Jahrhunderts. Traditionen wurden vorsichtig aufgebaut, oft hinter Kasernenmauern, selten im öffentlichen Raum. Sichtbarkeit war lange nicht gewollt – oder zumindest nicht selbstverständlich.
Erst in den vergangenen Jahren habe sich dieser Umgang verändert. Auslandseinsätze, gesellschaftliche Debatten und nicht zuletzt internationale Krisen hätten dazu geführt, dass Soldaten stärker in den Fokus rücken. Der Veteranentag füge sich in eine Reihe von Maßnahmen ein, die genau das erreichen sollen: Sichtbarkeit schaffen, Anerkennung ermöglichen, ohne dabei in einfache Heldennarrative zu verfallen.

Quadflieg verwies darauf, dass Deutschland dabei einen eigenen Weg gehe. Anders als in Ländern wie den USA oder Frankreich sei der Veteranenbegriff bewusst weit gefasst. Er umfasse alle, die in der Bundeswehr gedient haben – unabhängig von Einsatz oder Rang. Damit werde der Dienst insgesamt gewürdigt, nicht nur der Kampfeinsatz.
Diese Entscheidung sei auch Ausdruck eines demokratischen Selbstverständnisses. Die Bundeswehr als Parlamentsarmee stehe nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern in ihrer Mitte. Der Veteranentag könne helfen, diese Verbindung sichtbar zu machen – und Berührungsängste abzubauen.
Gleichzeitig machte der Vortrag deutlich, wie fragil dieser Prozess ist. Anerkennung müsse wachsen, Vertrauen müsse entstehen, und beides brauche Zeit. Der Veteranentag könne dafür ein Anfang sein – ein Anlass, ins Gespräch zu kommen, zuzuhören und neue Perspektiven zuzulassen.
So blieb am Ende ein vielschichtiges Bild: Erinnerung und Gegenwart, persönliche Geschichten und historische Linien, individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Verantwortung. Der Veteranentag in Wiesbaden zeigte, dass all das zusammengehört – und dass die Frage nach der Rolle der Bundeswehr längst eine Frage an die gesamte Gesellschaft ist.
Symbolfoto ©2026 Volker Watschounek
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