Zwischen selbstgebautem Zuhause, Langlaufloipen, Tandemtouren und Nachkriegserinnerungen feiern Edith und Norbert Schäfer ihre Eiserne Hochzeit.
Die Sonne fällt über den Balkon hinweg auf den Garten, dahinter glitzert das Wasser des alten Pools. In der Küche sitzt Edith Schäfer im Rollstuhl, neben ihr Norbert Schäfer, aufmerksam, ruhig, wach. 65 Jahre Ehe liegen hinter den beiden. Und obwohl vieles schwerer geworden ist, wirkt zwischen ihnen noch immer jene Selbstverständlichkeit, die man nicht spielen kann.
„Wir sehen uns noch gut“, sagt Norbert Schäfer und lacht leise. Dann schaut er zu seiner Frau. „Vor allen Dingen sind wir noch relativ gesund.“
Die beiden feiern ihre Eiserne Hochzeit in Auringen. Dort, wo Edith Schäfer geboren wurde – im Haus ihrer Eltern. Und dort, wo Norbert Schäfer später mit eigenen Händen die gemeinsame Wohnung ausbaute. Maurer war er damals, später technischer Angestellter beim Tiefbauamt Wiesbaden. „Alles, was hier ist, habe ich weitgehend selbst gebaut“, sagt er nicht stolz, eher sachlich, als gehöre das einfach dazu.
Kennengelernt beim Tanzen
Begonnen hat alles im Auringer „Hinkelhaus“. Eine Gaststätte mit Tanzmusik, Musikkapellen und einem Spitznamen, der bis heute hängen geblieben ist: „Heiratsmarkt“. „Da haben wir uns kennengelernt“, erzählt Edith. Sie war damals mit einer Freundin dort, er mit einem Freund. Danach liefen sie nachts durch den Schnee nach Hause. Halbschuhe, fünf Zentimeter Schnee, dunkle Straßen zwischen Auringen und Rambach. Da gab es nichts zum Überlegen erinnert sich Edith: „Ich glaube, wir haben uns beide gesagt: Wir sehen uns wieder.“
Aus diesem Wiedersehen wurde ein gemeinsames Leben. 1961 heirateten die beiden. Gefeiert wurde mit rund 70 Gästen in der damaligen Gaststätte „Zur Rose“. Das Wetter sei trüb gewesen. Und doch blieb etwas Besonderes hängen: die Erdbeertorte. „Zu dieser Jahreszeit war das damals eine Sensation“, erinnert sich Norbert. Erdbeeren aus Holland gab es keine und in Deutcshland galten sie im Mai Anfang der sechziger Jahre noch als Ausnahme.
Ein Leben ohne Flugzeug – aber mit Tandem
Viel Luxus gab es damals nicht. Nicht einmal ein eigenes Telefon stand im Haus der Schäfers. Wenn telefoniert werden musste, lief Edith Schäfer zum Lebensmittelgeschäft im Ort – so wie fast alle in Auringen. Dort stand das Telefon für die Nachbarschaft bereit. Heute wirkt das wie eine andere Welt, damals gehörte es schlicht zum Alltag.
Auch kleine Ausflüge verlangten Planung. Wenn das junge Paar nach Wiesbaden ins Kino fuhr, bestimmten nicht die Anfangszeiten der Filme den Abend, sondern die Fahrpläne der Busse. Oft mussten sie Vorstellungen vorzeitig verlassen, um den letzten Bus zurück nach Auringen noch zu erreichen.
„Heute kann sich das keiner mehr vorstellen“, sagt Norbert und schüttelt leicht den Kopf. Und während viele Geschichten aus dieser Zeit schnell nach Entbehrung klingen, erzählen die Schäfers anders. Nicht vom Mangel. Sondern von Möglichkeiten. Vom Wandern in Südtirol, von Reisen an Nord- und Ostsee, von langen Tagen in den Bergen und von Urlauben, die nicht spektakulär sein mussten, um in Erinnerung zu bleiben.
„Wenn hinten keiner tritt…“
Geflogen sind beide nie. „Wir waren unser ganzes Leben nicht im Flugzeug“, sagt Norbert. Sein Bruder, erzählt er, habe die ganze Welt gesehen – Japan, China, ferne Länder. Zum 50. Geburtstag schenkte er ihm sogar ein Flugticket nach Berlin. Doch eingelöst wurde es nie. „Ich hatte Angst vorm Fliegen“, so Norbert offen.
Also blieb man am Boden. Und entdeckte Europa auf eigene Weise. Besonders gern erinnern sich beide an ihre Tandemreisen. Edith hatte als Kind nie Fahrradfahren gelernt. Also kaufte Norbert ein Tandem. Rund zwei Jahrzehnte lang waren sie damit unterwegs – durch Bayern, entlang von Flüssen, über Landstraßen, hinein in Urlaubsorte und kleine Dörfer. „Ich habe gelenkt – und sie hat geträumt.“
Dann erzählt er von einer Begegnung in Bayern. Ein älterer Bauer habe die beiden auf ihrem Tandem gesehen und gefragt, ob sie eigentlich wüssten, warum das Fahrrad Tandem heiße. Schäfer verneinte. Daraufhin habe der Mann im breitesten Dialekt geantwortet: „Wenn hinten keiner tritt, dann tun dem vorne die Füße weh.“
Norbert Schäfer lacht noch heute über diesen Satz. Vielleicht auch deshalb, weil er so gut zu ihrer Ehe passt: Einer allein kommt nicht weit. Gemeinsam dagegen schon.
Der Mann, der die Loipen zog
In Auringen kennt man Norbert Schäfer bis heute als den Mann der Loipen. Wenn im Taunus Schnee lag und andere noch aus dem Fenster blickten, saß Schäfer oft schon früh morgens auf seinem Motorschlitten. Jahrzehntelang zog er ehrenamtlich Loipen durch die Wälder rund um den Ort, präparierte Strecken, kontrollierte Wege und machte den Winter für viele Menschen überhaupt erst nutzbar.
Angefangen hatte alles mit seiner Leidenschaft für den Skilanglauf. Schon als Jugendlicher stand Schäfer auf Skiern, später nahm er an Wettkämpfen teil, wurde Vereins- und Stadtmeister und belegte bei hessischen Meisterschaften regelmäßig Spitzenplätze. „Bis zum 50. Lebensjahr habe ich mir noch die Startnummer umgehängt“, erinnert er sich. Irgendwann rückte der Sport in den Hintergrund – und der Einsatz für andere nach vorn.
1979 kaufte Schäfer einen Motorschlitten. Das passende Spurgerät baute er kurzerhand selbst. Im Auftrag des Naturparks Rhein-Taunus zog er fortan ehrenamtlich Loipen für die Allgemeinheit – oft stundenlang, bei Schnee, Wind und eisigen Temperaturen. Besonders aufwendig sei die Trassenpflege rund um die Hohe Wurzel gewesen, erzählt er. Viele Wintersportler aus der Region kannten seine Strecken. Und während Norbert Schäfer draußen durch den Schnee fuhr, wurde Edith Schäfer zuhause zur Auskunftsstelle für den Taunuswinter.
„30 bis 40 Anrufe am Wochenende“, erinnern sie sich und lachen.
Streit nie mit ins Bett genommen
Heute ist vieles langsamer geworden. Edith Schäfer stürzte vor einiger Zeit schwer in der Küche, brach sich Schulter und Arm und verbrachte längere Zeit im Krankenhaus. Seitdem kämpft sie sich Schritt für Schritt zurück in den Alltag. Im Haus erinnern zusätzliche Handläufe, kleine Hilfskonstruktionen und improvisierte Trainingshilfen daran, wie mühsam dieser Weg bis heute ist. Norbert Schäfer baute Stufen nach, befestigte Halterungen, tüftelte Lösungen aus – so wie er es sein Leben lang getan hat.
Wenn Edith Schäfer heute vorsichtig die Treppe hinuntergeht, dann steht Norbert an ihrer Seite. Nicht laut, nicht dramatisch, eher selbstverständlich. Fast so, als sei genau das über all die Jahrzehnte ihr gemeinsames Prinzip gewesen: Einer passt auf den anderen auf.
Was also hält eine Ehe über 65 Jahre zusammen? Norbert Schäfer muss nicht lange überlegen. „Man darf nie im Streit schlafen gehen“, sagt er ruhig. „Wir haben alles vorher geklärt.“
„Ein Team sein…“
Es ist kein großer Satz. Keine romantische Geste. Und vielleicht wirkt er gerade deshalb glaubwürdig. Denn je länger die beiden erzählen, desto deutlicher wird: Ihre Ehe lebte nie von Pathos oder großen Inszenierungen. Sondern vom Alltag. Vom Mitziehen. Vom Verzeihen. Vom gemeinsamen Weitermachen. „Wir waren immer hundert Prozent füreinander da“, sagt Edith schließlich.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser langen Ehe. Nicht in perfekten Jahren oder in einem Leben ohne Krisen. Sondern darin, dass beide nie aufgehört haben, ein Team zu sein. Beim Hausbau. Beim Kindererziehen. Auf den Loipen im Winter. Auf dem Tandem in Südtirol. Und jetzt, im Alter, zwischen Medikamenten, Arztterminen und langsamen Schritten durchs eigene Zuhause.
Am Abend feiern Edith und Norbert Schäfer ihre Eiserne Hochzeit im Gasthaus „Zum Weißen Ross“ – gemeinsam mit ihren Kindern, vier Enkeln und inzwischen einem Urenkel. Viel mehr brauche es nicht, sagen beide. Nur Gesundheit. Und noch ein wenig gemeinsame Zeit. Bis in fünf Jahren, zu Gnadenen Hochzeit!
Foto – Edith und Norbert Schäfer auf ihren Balkon am 65. Hochzeitstag. ©2026 Volker Watschounek
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