Rund 150 Menschen erinnerten an vier Jahre Ukraine-Krieg. Redner schilderten Leid und bekräftigten Solidarität.
Fahnen wehten, Kerzen flackerten, Schritte knirschten über Pflaster. Rund 150 Menschen standen am Europabaum in Wiesbaden, hörten zu, rückten enger zusammen, hielten Fahnen, manche auch einfach nur die Hände in den Manteltaschen. Vier Jahre nach dem 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Russland die Ukraine vollumfänglich angriff, suchten sie nicht nach großen Bildern. Sie setzten auf ein schlichtes, beinahe widerspenstiges Ritual: kommen, erinnern, widersprechen.
Die Europa-Union, Kreisverband Wiesbaden Rheingau-Taunus, hatte zur Gedenkveranstaltung eingeladen. Sie geriet nicht zur bloßen Pflichtübung, weil an diesem Nachmittag niemand so tat, als ließe sich das Grauen in routinierten Formeln abheften. Wer hier sprach, sprach gegen das Vergessen an. Und wer zuhörte, hörte nicht nur einem fernen Krieg zu, sondern dem Riss, den er durch Familien, Biografien und auch durch diese Stadt zog.
Gewaltverbot, gebrochen – und trotzdem nicht „normal“
Der Angriff Russlands verstieß erneut gegen das völkerrechtlich anerkannte Gewaltverbot. In Wiesbaden klang dieser Satz nicht wie ein Seminarhinweis, sondern wie ein moralischer Fixpunkt: Ein Staat darf Grenzen nicht mit Gewalt verschieben, darf Nachbarn nicht überfallen, darf Städte nicht in Zielscheiben verwandeln. Gerade weil der Krieg inzwischen in sein viertes Jahr ging, lag eine zweite Botschaft über dem Platz: Nichts daran darf normal werden.
Landtagspräsidentin Astrid Wallmann gab diesem Gedanken Gewicht. Sie sprach vom „zermürbenden“ Verlauf der Jahre und vom Respekt, den die Widerstandsfähigkeit der Ukrainer verdiene. Vor allem aber holte sie das, was oft abstrakt bleibt, in den Körper der Zuhörer zurück: die Angriffe auf zivile Energie- und Infrastruktur, die Kälte, die Dunkelheit, eine alltägliche Entwürdigung. Sie schilderte Senioren, die in Hochhäusern festsäßen, weil Aufzüge ohne Strom stehen blieben. Sie erinnerte an Familien, die Kinderwäsche nicht waschen könnten, weil die Maschine stumm bleibe. Wer solche Bilder hört, versteht: Dieser Krieg trifft nicht nur Soldaten. Er trifft das Leben selbst.

Wallmann sprach auch vom „vierten Kriegswinter“, von zweistelligen Minusgraden, von Menschen, die in Wohnungen Zelte aufschlagen, um sich gegen die Kälte zu wappnen. Und sie setzte die Perspektive bewusst weit: Die Ukraine kämpfe nicht nur um ihre eigene Existenz, sagte sie, sondern auch um gemeinsame Werte und Freiheit in Europa.
Wiesbaden als Ankunftsort – und als Verantwortung
Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende knüpfte den Krieg enger an die Stadt. Wiesbaden habe 4.600 Menschen aus der Ukraine aufgenommen, sagte er. Viele seien Teil der Stadtgesellschaft geworden: in Schulen, Unternehmen, Vereinen, Nachbarschaften. Mende dankte jenen, die Solidarität praktisch machten: dem Ukrainerhilfezentrum des Caritasverbandes Wiesbaden-Rheingau-Taunus in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde, das bei Aufenthaltsfragen, Arbeit und Behördengängen unterstütze – und dem Verein Pitrimka e.V., der mit Sprachkursen, Integrationsangeboten und Hilfe für Familien arbeite.
In diesem Teil der Reden lag ein leiser Perspektivwechsel: Nicht nur die Ukraine leidet – auch Wiesbaden verändert sich. Die Stadt wurde Ankunftsort, Übergangsstation, manchmal Ersatz-Zuhause. Und damit wuchs Verantwortung: nicht paternalistisch, nicht belehrend, sondern konkret.
Dern’sches Gelände: Jede Kerze eine Familie
Später verlagerte sich das Gedenken auf das Dern’sche Gelände. Dort prägten Kerzen das Bild, bewusst gesetzt als Zeichen: „Jede Kerze steht für eine Familie, für einen Menschen, für ein bisschen Hoffnung“, sagte eine Sprecherin von Pitrimka. Hoffnung als Gegenlicht, nicht als Flucht.
Dr. Gerhard Obermayr, Stadtverordnetenvorsteher, sprach „nah an den Tränen“ über das, was er als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnete. Er erinnerte daran, dass die Vereinten Nationen kurz nach Kriegsbeginn 2022 eine Resolution verabschiedeten, die den Angriff verurteilte. Und er warnte vor jener gefährlichen Verschiebung, die Kriege erst möglich mache: wenn die regelbasierte Ordnung als verhandelbar gilt.
Zwischen den Sätzen stand etwas, das an solchen Abenden oft spürbarer ist als jede Analyse: Die Menschen wollten nicht nur trauern. Sie wollten, dass Politik handelt – entschlossen, langfristig, gemeinsam mit Europa und mit der Ukraine. Denn Frieden, so klang es immer wieder an, darf nicht als Wort kommen, das am Ende die Falschen belohnt.
Foto – Dr. Gerhard Obermayr: „Mit dem Frieden meine ich zunächst einen Waffenstillstand“ ©2026 Volker Watschounek
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