Das Museum Wiesbaden entdeckt Georg Lührig neu – mit Monumentalbildern, Symbolismus und digital rekonstruierten Fresken.
Er war gefeiert, vergessen, verschollen – und plötzlich steht er wieder mitten im Raum. Das Museum Wiesbaden widmet dem Dresdner Künstler Georg Lührig eine monumentale Ausstellung, die weit mehr will als schöne Bilder zeigen. Sie gräbt sich durch deutsche Kunstgeschichte, DDR-Nachlassdramen, zerstörte Fresken und die Frage, wie Museen verlorene Kunst wieder sichtbar machen können.
Museum Wiesbaden, kurz gefasst
Sonderausstellung – Jugendstil und Symbolismus, Georg Lührig: Ein Meister aus Dresden
Eintritt: 12,00 Euro, ermäßigt 9,00 Euro
Wann: 22. Mai 2026 bis 17. Januar 2027
Vernissage: Donnerstag, 21. Mai 2026, 19 Uhr, bei freiem Eintritt
Öffnungszeiten:
Mo geschlossen | Di, Mi, Fr 10:00—17:00 Uhr | Do 10:00—21:00 Uhr
Sa, So, Feiertage 10:00—17:00 Uhr
1. Januar, 24., 25, und 31. Dezember geschlossen
Wo: Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Verkehrsanbindung: Zentral in der Mitte von Wiesbadens Kulturmeile gelegen, 800 Meter Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt. Linienbusse zur Rheinstraße und Wilhelmstraße.
Mit Jugendstil und Symbolismus: Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden zeigt das Museum vom 22. Mai 2026 bis 17. Januar 2027 mehr als 100 Arbeiten – darunter Gemälde, Zeichnungen, Studien, Entwürfe, Lithografien und digitale Rekonstruktionen zerstörter Wandbilder. Grundlage dafür war eine jahrelange Spurensuche, die fast wie ein Feuilletonroman klingt.
Der Maler, der Dresden malte – und verschwand
Es gibt Künstler, die verschwinden leise. Nicht, weil sie belanglos waren. Sondern weil die Geschichte ihre Bilder verschüttet. Genau das geschah mit Georg Lührig. Dabei gehörte er um 1900 zu jener Dresdner Künstlergeneration, die den Jugendstil mit Symbolismus, Körperkult und monumentaler Wucht verband. Lührig malte keine gefälligen Allegorien. Seine Figuren wirkten kantig, verletzlich, manchmal fast fiebrig. Seine Kunst suchte nicht den Salon. Sie wollte Wände erobern.
Kurator Peter Forster formulierte im Rahmen der Presserundgangs fast kämpferisch: Diese Ausstellung schreibe deutsche Kunst- und Stadtgeschichte neu. Dresden, sagte er, sei damals ein eigener Kosmos gewesen – voller Konkurrenz, Visionen und künstlerischer Machtkämpfe. Und mittendrin: Georg Lührig.
Eine Wiederentdeckung aus Kellern und Kisten
Dass diese Ausstellung heute im Museum Wiesbaden zu sehen ist, wirkt beinahe wie eine kunsthistorische Rettungsaktion in letzter Minute. Jahrzehntelang schlummerte der Nachlass von Georg Lührig fernab öffentlicher Aufmerksamkeit in Privatbesitz – verborgen in Kellern, Schränken und Lageräumen, die eher vom langen Vergessen erzählten als von musealer Bewahrung. Zeichnungen lagen zusammengerollt übereinander, Papier wellte sich unter Feuchtigkeit, Farben verloren ihre Leuchtkraft. Manche Arbeiten wirkten, als hätten sie sich bereits still aus der Geschichte verabschiedet.
Und doch überlebten sie.
Es war schließlich ein Anruf, der alles veränderte. Helmut Lührig, der Urenkel des Künstlers, meldete sich im Museum Wiesbaden. Kurator Peter Forster machte sich daraufhin auf den Weg nach Leverkusen – und geriet dort, wie er selbst sagt, in eine Situation, die „großartig und schrecklich zugleich“ gewesen sei. Großartig, weil sich plötzlich eine nahezu unbekannte Bildwelt öffnete: Skizzenbücher, monumentale Entwürfe, Studien, Fotografien, grafische Serien und Arbeiten, die selbst Fachleute nie zuvor gesehen hatten. Schrecklich, weil vieles davon in einem Zustand war, der jede Ausstellung zunächst unmöglich erscheinen ließ.
Die Begegnung mit diesem Nachlass wurde damit zum Ausgangspunkt eines Projekts, das weit über eine gewöhnliche Ausstellung hinausgeht. Restauratoren glätteten fragile Blätter millimeterweise, sicherten brüchige Pigmente und arbeiteten sich Schicht für Schicht durch ein Konvolut, das über Jahrzehnte kaum professionell betreut worden war. Besonders die großformatigen Studien zu den verlorenen Dresdner Wandfresken verlangten enorme Geduld.
Begleitprogramm
Museumswerkstatt für Kinder
Sa. 30 Mai 26. 1015-13:00
Den Künstler Georg Lührig entdecken
Sa. 15 Aug 26, 10:15-13:00
Geheimnisvoller Marchenwald
Sa. 21 Nov 26, 10:15-13:00
Atelierwerkstatt experimentell
Offenes Atelier für Familien
So. 21 Jun 26,14:30-16:30
Schôner Pelikan – Finde Dein Lieblingstier
Famillenführung am „Eintrittsfreien Samstag“
Sa, 3 Okt 26
12:00-12:30 & 12:45-1315
Dass dies gelang, lag auch an einem ungewöhnlich breiten Netzwerk aus Förderern und Unterstützern. Die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung und weitere Institutionen ermöglichten die aufwendigen Restaurierungen. Zugleich entstand zwischen Museum und Familie ein Vertrauensverhältnis, das für Andreas Henning, den Direktor des Hauses, zum eigentlichen Fundament der Ausstellung wurde. Ohne die Offenheit der Nachfahren, ohne die Bereitschaft, Werke zu übergeben, Geschichten zu teilen und Archive zu öffnen, hätte das Projekt nie diese Tiefe erreicht.
So erzählt die Ausstellung nicht nur von Kunst. Sie erzählt auch von Verantwortung. Vom Versuch, ein beinahe verlorenes Kapitel deutscher Kunstgeschichte zurück ans Licht zu holen – Blatt für Blatt, Rolle für Rolle, Kiste für Kiste.
Körper, Tod und Dresdner Nervosität
Wer diese Ausstellung betritt, begegnet keinem Maler gefälliger Schönheit. Georg Lührig interessierte sich nicht für harmonische Oberflächen oder dekorative Eleganz. Ihn zog der menschliche Körper in seinen widersprüchlichsten Zuständen an: Kraft und Erschöpfung, Jugend und Verfall, Ekstase und Angst. Seine Figuren wirken selten entspannt. Sie spannen Muskeln an, drängen sich ins Bild, kämpfen mit Raum, Licht und Schwere. Selbst dort, wo Nacktheit auftaucht, entsteht nie bloße Sinnlichkeit. Immer liegt eine Nervosität in diesen Körpern, ein Gefühl latenter Bedrohung.
Gerade darin unterschied sich Lührig von vielen Künstlern seiner Zeit. Während der klassische Jugendstil den Menschen oft idealisierte und in ornamentale Schönheit verwandelte, brach Lührig diese Glätte auf. Seine Körper tragen Spuren innerer Konflikte. Gesichter wirken angespannt, Bewegungen beinahe eruptiv. Die Haut scheint nie nur Oberfläche zu sein, sondern Ausdruck eines Zustands. Seine Malerei sucht nicht das Idyll, sondern die existenzielle Erregung.
Besonders deutlich wird das im monumentalen „Totentanz“, jener Werkgruppe, die wie ein dunkler Pulsschlag durch die Ausstellung läuft. Die großformatigen Kohlezeichnungen greifen die mittelalterliche Tradition des Totentanzes auf, reißen sie jedoch brutal in die Moderne. Der Tod erscheint nicht als ferne Allegorie, sondern als ständiger Begleiter des Alltags. Er steht mitten auf der Straße, drängt sich zwischen Menschen, lauert hinter Routinen und Gesten. Der Totengräber selbst liegt bereits im offenen Grab. Niemand entkommt diesem Kreislauf.
Die Zeichnungen entfalten dabei eine rohe Wucht. Schwarze Kohleschichten verdichten sich zu Schattenräumen, Körper kippen ins Groteske, Bewegungen wirken gehetzt und fiebrig. Manche Blätter erinnern bereits an den frühen Expressionismus, obwohl Lührig noch tief im Symbolismus verwurzelt blieb. Gerade diese Mischung macht die Arbeiten so verstörend modern.
Kurator Peter Forster beschreibt die Dresdner Kunstszene jener Zeit als eine Welt zwischen ekstatischer Körperverehrung und permanenter Vergänglichkeit. Genau dort liegt der eigentliche Nerv dieser Ausstellung. Dresden feierte um 1900 den menschlichen Körper beinahe kultisch – in Kunst, Lebensreform, Hygienebewegung und Monumentalmalerei. Und Lührig trieb diesen Gegensatz besonders weit. Seine Figuren erscheinen mächtig und verletzlich zugleich.

Wiesbaden wird zum zweiten Dresden
Diese Ausstellung erzählt nicht nur von einem Künstler. Sie erzählt auch von einer erstaunlichen Verbindung zweier Städte. Zwischen Dresden und Wiesbaden verlief über Jahrzehnte eine beinahe vergessene kulturelle Linie, die nun plötzlich wieder sichtbar wird. Georg Lührig war dabei keineswegs ein zufälliger Gast in Wiesbaden. Bereits 1909 zeigte er seine Werke in der renommierten Galerie Baer – mitten in jener Zeit also, in der sich die Stadt als eleganter Kurort, Kunstplatz und Bühne des gehobenen Bürgertums verstand. Wiesbaden blickte damals aufmerksam nach Dresden, München und Berlin, dorthin, wo neue Kunstströmungen entstanden und miteinander konkurrierten.
Später tauchte Lührig erneut in Wiesbaden auf – diesmal als Kriegsmaler. Während des Ersten Weltkriegs stellte er im damaligen Nassauischen Landesmuseum aus, dem heutigen Museum Wiesbaden. Seine Arbeiten passten in eine Zeit, in der Museen patriotische Bildwelten präsentierten und Künstler versuchten, das Grauen des Krieges in monumentale Bilder zu übersetzen. Danach jedoch riss die Verbindung ab. Lührig verschwand aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt beinahe vollständig.
Nun kehrt er zurück – und mit ihm eine ganze Dresdner Kunstwelt.
Dabei beschränkt sich das Museum nicht darauf, gerahmte Werke an weiße Wände zu hängen. Die Ausstellung wagt etwas viel Schwierigeres: Sie versucht, verlorene Räume wieder sichtbar zu machen. Viele der monumentalen Fresken, für die Lührig einst gefeiert wurde, existieren längst nicht mehr. Bomben zerstörten die Wandbilder im Zweiten Weltkrieg, Gebäude verschwanden, Fotografien verblassten, Entwürfe zerstreuten sich über Archive und Nachlässe. Übrig blieben Fragmente einer Kunst, die eigentlich für monumentale Architektur gedacht war und ohne ihre Räume fast heimatlos wirkt.
Genau hier setzt die digitale Rekonstruktion an – und erstaunlicherweise funktioniert sie nicht als museales Spielzeug, sondern als ernsthafte Form kunsthistorischer Annäherung. Das Museum entwickelte gemeinsam mit seiner digitalen Einheit virtuelle Rekonstruktionen der zerstörten Fresken. Besucher bewegen sich dabei zwischen historischen Fotografien, restaurierten Entwurfszeichnungen, Farbproben und digitalen Überblendungen. Schritt für Schritt entsteht vor den Augen der Museumsbesucher eine Vorstellung davon, welche Wucht diese Monumentalmalerei einst entfaltet haben muss.
Wissenschaftliche Volontärin Helene Kokenbrink beschreibt eindrücklich, wie aufwendig dieser Prozess war. Manche Rekonstruktionen basierten auf wenigen erhaltenen Fotografien, andere mussten aus einzelnen Fragmenten, Skizzen und zeitgenössischen Beschreibungen zusammengesetzt werden. Teilweise arbeitete das Team wie forensische Ermittler der Kunstgeschichte: Farbreferenzen wurden abgeglichen, Perspektiven rekonstruiert, verlorene Bildteile digital ergänzt.
Gerade dadurch gewinnt diese Ausstellung ihre eigentliche Größe. Denn hier geht es nicht bloß um nostalgische Wiederbelebung vergangener Kunst. Es geht um die Frage, wie Museen heute mit Verlust umgehen. Wie man Bilder zeigt, die eigentlich nicht mehr existieren. Wie man Erinnerung sichtbar macht, ohne Geschichte zu verfälschen.
Das Ergebnis wirkt nie wie ein technischer Effekt um seiner selbst willen. Die digitalen Stationen blinken nicht, sie protzen nicht, sie überwältigen nicht. Stattdessen arbeiten sie fast still gegen das Vergessen an. Sie geben einer zerstörten Kunst ihre Räume zurück – wenigstens für einen Moment.

Der letzte große Aufschlag
Zu den eindrucksvollsten Momenten der Ausstellung gehört die Rekonstruktion des monumentalen Wandbildes „Feuer, Wasser, Erde, Luft und der Mensch als ihr Herr“. Schon der Titel trägt den Größenanspruch seiner Zeit in sich – diese fast grenzenlose Überzeugung, Kunst könne Welt erklären, Natur ordnen und den Menschen ins Zentrum aller Kräfte stellen. Georg Lührig entfaltet hier noch einmal alles, was seine Kunst auszeichnete: mächtige Körper, dramatische Bewegungen, aufgeladene Naturbilder und eine Symbolsprache, die sich mit großer Geste über die Wand ausbreitet.
Wasser stürzt mit eruptiver Kraft durch die Komposition, Figuren stemmen sich gegen Elemente, Farben leuchten mit jener fast religiösen Intensität des späten Symbolismus. Selbst in den rekonstruierten Fragmenten spürt man noch den Willen zur monumentalen Wirkung. Diese Bilder wollten nicht betrachtet werden wie dekorative Salonkunst. Sie wollten Räume beherrschen.
Und doch liegt über diesem Werk bereits ein Hauch von Abschied.
Denn während Lührig weiter an seiner visionären Bildwelt arbeitete, hatte sich die Kunst längst verändert. Die Moderne wurde radikaler, härter, politischer. Expressionismus, Neue Sachlichkeit und später die Avantgarden zerlegten genau jene Pathosformeln, an denen Lührig festhielt. Seine monumentalen Allegorien wirkten zunehmend wie letzte Echos einer Epoche, die ihren Glauben an Harmonie, Körperkult und große Sinnbilder langsam verlor.
Katalog zur Ausstellung
Jugendstil und Symbolismus
Georg Lührig: Ein Meister aus Dresden
Herausgeber für das Museum Wiesbaden Peter Forster
Deutscher Kunstverlag 2026,
mit Texten von Anna Ahrens, Birgit Dalbajewa, Andreas Dehmer, Jana Dennhard u.a.
255 Seiten
34,00 € (Museumskasse)
ISBN 9783422803954
Das macht die Ausstellung so klug. Das Museum Wiesbaden versucht gar nicht erst, Lührig nachträglich zum zeitlosen Genie umzudeuten. Die Schau glättet nichts. Sie zeigt keinen makellosen Helden, sondern einen Künstler voller Widersprüche – einen Maler zwischen Jugendstil und Moderne, zwischen Monumentalpathos und Vergänglichkeit, zwischen ästhetischer Vision und historischem Kontrollverlust.
Gerade darin entsteht die eigentliche Spannung dieser Wiederentdeckung. Lührigs Werk taumelt förmlich durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Fresken verschwanden im Krieg. Sein Nachlass überdauerte die DDR unter schwierigen Bedingungen. Teile gingen verloren, andere wurden vergessen, wieder andere tauchten erst Jahrzehnte später wieder auf. Die Ausstellung erzählt deshalb immer auch von Brüchen: von zerstörten Städten, verschütteter Kunstgeschichte und der Frage, was kulturelles Gedächtnis überhaupt leisten kann.
Und genau dort entfaltet diese Schau ihre größte Kraft. Und so verlässt man diese Ausstellung nicht mit dem Gefühl, einen alten Meister „abgehakt“ zu haben. Sondern mit der Erkenntnis, dass Kunst manchmal Jahrzehnte braucht, um wieder sprechen zu können – leise zunächst, beinahe verschüttet, und dann plötzlich mit voller Wucht.
Bild – Ausstellungsansicht mit Komodowaran. ©2026 Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
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Mehr vom Museum Wiesbaden finden Sie unter museum-wiesbaden.de.



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