Zwölf Parteien und lange Stimmzettel: In Wiesbaden wird um Geld, Verkehr und Digitalisierung gerungen – und um das Bild der Stadt von morgen.
Zwei Wochen vor der Kommunalwahl verdichtete sich in der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden noch einmal alles, was diesen Wahlkampf prägt: ellenlange Stimmzettel, volle Terminkalender und Erwartungen. Acht Kandidatinnen und Kandidaten saßen auf dem Podium, 15 Parteien stehen am 15. März zur Wahl – und Moderator Stefan Schröder erinnerte das Publikum gleich zu Beginn daran, wie viel Gestaltungsmacht in dieser Abstimmung steckt.
„Sie wissen, wo die Schlaglöcher sind“, sagte er, halb augenzwinkernd, halb ernst. Die Kommunalpolitik sei keine abstrakte Übung. Sie entscheide über Schulwege, Gewerbegebiete, Baustellen, Buslinien. Und sie fordere Geduld – nicht zuletzt in der Wahlkabine, die für die langen Stimmzettel eigentlich zu klein sei.
Gastgeber Jörg Brömer, Präsident der IHK, spannte den Bogen zur Wirtschaft. In der Kommune würden die Weichen gestellt, sagte er. Wer hier regiert, beeinflusse Genehmigungszeiten, Infrastruktur und Investitionsklima. Holger Balz vom Handwerk sekundierte: Man arbeite „an den Wurzeln“, nicht im fernen Berlin
Geld ist nicht alles – aber ohne Geld geht nichts
Als die Diskussion auf die Finanzen zusteuerte, rückte das Publikum gedanklich näher an Tabellen und Haushaltspläne. Zahlen schaffen Klarheit – und Streit.
145 Millionen Euro für Wiesbaden, 91 Millionen für den Kreis aus Bundesmitteln. Auf den ersten Blick klingt das nach einem warmen Geldregen. Doch im kommunalen Maßstab schrumpfen solche Summen schnell. Allein große Schulneubauten verschlingen dreistellige Millionenbeträge, Straßensanierungen und Kita-Ausbau kosten zweistellige Millionen pro Projekt. Was wie ein finanzieller Befreiungsschlag wirkt, entpuppt sich im Haushaltsplan als kräftiger, aber begrenzter Impuls.
Silas Gottwald (SPD) versuchte, die Dimension einzuordnen. Das Geld reiche „für anderthalb Schulen“, sagte er – ein Satz, der hängen blieb. Er wollte damit zweierlei deutlich machen: Erstens, dass die Mittel willkommen sind. Zweitens, dass sie die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen nicht beheben. Wiesbaden müsse investieren, aber zugleich vorsorgen. Rücklagen seien kein Selbstzweck, sondern Sicherheitsnetz in unsicheren Zeiten. Gerade volatile Gewerbesteuereinnahmen zeigten, wie schnell gute Jahre kippen könnten.
Die Fraktionsvorsitzende der CDU-Rathausfraktion Daniela Georgi (CDU) nahm den Ball auf, sie spielte ihn aber anders. Für sie lag das Kernproblem weniger auf der Einnahmeseite als auf der Ausgabenseite. Wiesbaden verfüge über solide Einnahmen, doch die Stadt habe in den vergangenen Jahren Strukturen geschaffen, die dauerhaft Kosten verursachten. Doppelzuständigkeiten, zusätzliche Dezernate, neue Projekte – vieles sei politisch gewollt, aber nicht immer finanziell nachhaltig. Man müsse Prioritäten setzen, nicht alles zugleich verfolgen.

Damit rückte die klassische Konfliktlinie ins Zentrum: Investieren oder konsolidieren? Wachstum durch Ausgaben oder Stabilität durch Begrenzung?
Ingo von Seemen (Linke) und Stellv. Vorsitzender im Ausschuss für Soziales widersprach der These vom reinen Ausgabenproblem vehement. Ein Großteil der sogenannten Sozialausgaben seien Pflichtleistungen oder Gelder, die die Stadt lediglich verwalte und weiterreiche. Wer dort kürze, spare nicht abstrakt im Etat, sondern konkret bei Menschen – bei Familien, bei Bedürftigen, bei Bildungseinrichtungen. Gesundsparen funktioniere in der kommunalen Realität selten. Probleme würden nicht gelöst, sondern verschoben.
Den deutlichsten Kontrast setzte Denis Seldenreich (AfD). Er sprach von einem strukturellen Defizit und kritisierte, dass Haushalte bereits mit Fehlbeträgen eingebracht würden. Für ihn liegt der Schlüssel in einer konsequenten Begrenzung des Personalwuchses und einer grundlegenden Aufgabenprüfung. Weniger freiwillige Leistungen, weniger neue Stellen – das sei der Weg zu soliden Finanzen.
Alexander Müller (FDP) wählte einen anderen Ansatz. Er stellte nicht nur die Frage nach der Höhe der Ausgaben, sondern nach ihrer Effizienz. Warum, so fragte er, arbeite die Verwaltung nicht konsequenter mit digitalen Verfahren und Künstlicher Intelligenz? Wenn Prozesse automatisiert und standardisiert würden, könnten Entscheidungen schneller fallen und Personal gezielter eingesetzt werden. Für ihn bedeutet Haushaltsdisziplin nicht nur Kürzen, sondern Modernisieren.
Geld ist nicht alles – aber ohne Geld geht nichts
Als es um die Finanzen ging, wurde der Ton sachlicher, aber nicht leiser. Wiesbaden erhält 145 Millionen Euro aus Bundesmitteln, der Kreis 91 Millionen. Eine Summe, die zunächst groß klingt, sich aber im Haushalt schnell relativiert.
Silas Gottwald (SPD) ordnete ein, das Geld reiche etwa „für anderthalb Schulen“ erklärte der SPD-Fraktionsvorsitzende. Weiter, – es sei hilfreich, löse aber keine strukturellen Probleme. Die Stadt müsse Rücklagen bilden und zugleich investieren. Daniela Georgi (CDU) griff den Faden auf, zog ihn aber in eine andere Richtung. Sie sagte, das Wiesbaden weniger ein Einnahmen- als ein Ausgabenproblem habe. Die Strukturen, die zuletzt aufgebaut wurden, könne man sich auf Dauer nicht leisten.
Ingo von Seemen (Linke) widersprach der Vorstellung vehement und äußerte, dass man sich einfach gesundsparen könne. Viele Sozialausgaben seien Pflichtaufgaben oder durchlaufende Posten. Wer hier kürze, verschiebe Probleme nur. Zudem würde es sich die CDU zu leicht machen und falsche Zahen zu Grunde legen. Man müsse die Ausgaben differenzierten betrachten, die Mittel, die vom Bund getragen werden, abziehen.
Währenddessen schärfte Denis Seldenreich (AfD) den Kontrast. Er sprach von einem strukturellen Defizit und forderte, Personalaufbau zu stoppen. Alexander Müller (FDP) ging einen Schritt weiter und fragte, warum die Verwaltung nicht konsequenter auf Künstliche Intelligenz setze. Technik könne Prozesse vorbereiten, Entscheidungen beschleunigen und Personal entlasten.
So verschoben sich die Linien: zwischen Sparappell und Investitionsversprechen, zwischen Reform und Rückbau.
Verkehr als Nerv der Stadt
Beim Thema Infrastruktur kippte die Atmosphäre im Saal von sachlich zu spürbar persönlich. Baustellen, Förderampeln, Radwege – das sind in Wiesbaden keine abstrakten Schlagworte, sondern tägliche Wegbegleiter. Man merkte es am zustimmenden Nicken, am leisen Seufzen. Fast jeder im Publikum schien eine eigene Geschichte mitgebracht zu haben: vom morgendlichen Stau am ersten Ring, vom Lieferwagen, der keinen Parkplatz findet, vom Radweg, der plötzlich endet.
Daniela Georgi (CDU) zeichnete das Bild einer Stadt, die sich im Dickicht paralleler Baustellen selbst ausbremse. Viele Autofahrer empfänden die aktuelle Verkehrspolitik als Zumutung, sagte sie. Nicht weil sie grundsätzlich gegen Veränderung seien, sondern weil sie fehlende Abstimmung erlebten. Wenn Hauptachsen gleichzeitig aufgerissen würden, leide nicht nur der Pendler, sondern auch das Handwerk, der Einzelhandel, der Lieferverkehr. Georgi forderte deshalb einen zentralen Baustellenmanager – eine Instanz, die Maßnahmen bündelt, Zeitpläne koordiniert und vor allem frühzeitig kommuniziert. Planung, so ihr Argument, müsse sichtbar werden, bevor der Bagger rollt.
Gesine Bonnet (Grüne/Bündnis 90) hielt dagegen und verschob den Fokus. Man könne nicht jahrelang von Klimaschutz, Wärmewende und moderner Infrastruktur sprechen und gleichzeitig erwarten, dass alles geräuschlos ablaufe. Wer Leitungen für Fernwärme verlege, Stromnetze ertüchtige und Straßen saniere, greife zwangsläufig in den Alltag ein. Das eigentliche Problem liege tiefer: „Wir haben schlicht zu viele Autos in der Stadt“, ließ sich ihre Haltung zusammenfassen. Wenn jede und jeder weiterhin allein im eigenen Wagen unterwegs sei, stoße die Stadt an ihre Grenzen – räumlich wie klimatisch. Deshalb müsse man den Umstieg fördern und auch wollen: durch besseren ÖPNV, sichere Radwege und verlässliche Alternativen. Einschränkungen seien kein Selbstzweck, sondern Teil eines Übergangs.

Damit hatte sich die Debatte von der Frage einzelner Baustellen zur Grundsatzfrage der Flächenverteilung verschoben. Wem gehört die Straße? Wie viel Raum räumt eine Stadt dem ruhenden Verkehr ein? Wie organisiert man Gewerbeansiedlung, ohne neue Blechlawinen zu produzieren?
Achim Sprengard (Volt) griff diesen Gedanken auf und verband ihn mit wirtschaftlicher Perspektive. Neue Gewerbegebiete dürften nicht nach dem Muster der 1990er-Jahre geplant werden – große Parkflächen, breite Zufahrten, lange Wege ohne Busanschluss. Wer heute Flächen ausweise, müsse Mobilität, Energieversorgung und Klimastandards von Anfang an integrieren. Nachhaltigkeit sei kein ideologischer Zusatz, sondern Standortfaktor. Unternehmen achteten zunehmend auf ökologische Rahmenbedingungen, Fachkräfte ebenso.
Den Gegenpol markierte Denis Seldenreich (AFD). Für ihn steht das Auto weiterhin im Zentrum der Mobilität. Fahrspuren weiter zu verengen oder Tempolimits auszuweiten, halte er für den falschen Weg. Die Stadt dürfe individuelle Mobilität nicht systematisch erschweren. In seiner Lesart behindern ideologisch motivierte Eingriffe den Verkehrsfluss und damit auch wirtschaftliche Aktivität.
Zwischen diesen Positionen blieb wenig Raum für Kompromissformeln. Doch gerade darin lag die Klarheit dieses Abends: Es geht nicht nur um Baustellenpläne oder Ampelschaltungen. Es geht um die Frage, welches Bild von Stadt sich durchsetzt – eine, die das Auto verteidigt, oder eine, die es neu einordnet.
Digitalisierung als Versprechen – und Risiko
Im letzten Themenblock verschob sich die Debatte vom Asphalt ins Serverrack. Was zuvor nach Schlagloch und Stau geklungen hatte, drehte sich nun um Schnittstellen, Aktenführung und Algorithmen. Doch auch hier ging es nicht um Technik um der Technik willen, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie soll ein Staat im 21. Jahrhundert funktionieren?
Mehrere Kandidaten zeichneten das Bild einer Verwaltung, die so zugänglich ist wie ein Online-Shop – rund um die Uhr erreichbar, ohne Medienbrüche, ohne das gefürchtete „Bitte reichen Sie Unterlagen nach“. Der Vergleich war bewusst gewählt. Wer sonntags ein Paket bestellen könne, müsse auch einen Antrag stellen können, ohne auf Öffnungszeiten zu warten.
Alexander Müller (FDP) entwarf die Vision einer Verwaltung, die Anträge digital entgegennimmt, automatisch prüft und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz vorbereitet. „Warum nutzt die private Wirtschaft KI – und die Verwaltung nicht?“, hatte er bereits in der Finanzrunde gefragt. Für ihn liegt der Schlüssel in standardisierten Prozessen: Die Maschine strukturiert, der Mensch entscheidet. Das spare Zeit, entlaste Personal und beschleunige Verfahren, etwa bei Baugenehmigungen oder Gewerbeanmeldungen.
Doch kaum war das Bild einer schlanken, automatisierten Stadtverwaltung gezeichnet, meldete sich der Einwand. Ingo von Seemen (Linke) warnte davor, Digitalisierung als Allheilmittel zu begreifen. Verwaltung sei nicht nur Dienstleister, sondern auch sozialer Raum. Nicht jeder könne oder wolle Formulare online ausfüllen, nicht jeder verfüge über die nötige Technik oder Kompetenz. Wenn der Staat sich ausschließlich ins Digitale zurückziehe, riskiere er neue Ausschlüsse. Analoge Wege müssten erhalten bleiben – als Angebot, nicht als Relikt.

Silas Gottwald (SPD) bemühte sich, beide Perspektiven zu verbinden. Er verwies auf den sogenannten„Hamburg-Standard, ein Modell zur Entbürokratisierung im Bauwesen. Dort habe man Vorschriften überprüft, vereinfacht und unnötige Anforderungen gestrichen. Das Ziel sei nicht nur Digitalisierung, sondern Entschlackung. Prozesse müssten einfacher werden, bevor man sie digitalisiere. Sonst übertrage man nur komplizierte Verfahren ins Internet – und beschleunige den Frust.
Zwischen Begeisterung für KI und Skepsis gegenüber ihrer sozialen Wirkung kristallisierte sich eine gemeinsame Einsicht heraus: Der demografische Wandel setzt die Verwaltung unter Druck. In den kommenden Jahren gehen Hunderte Beschäftigte in Ruhestand. Viele Stellen lassen sich kaum neu besetzen. Schon heute klagen Ämter über Fachkräftemangel, lange Bearbeitungszeiten, überlastete Hotlines.
Am Ende stand weniger eine fertige Lösung als ein Spannungsfeld: zwischen Effizienz und Teilhabe, zwischen Algorithmus und Ansprechpartner. Die Stadt der Zukunft, so viel wurde deutlich, wird digitaler sein. Ob sie auch gerechter und zugänglicher wird, hängt nicht allein von der Software ab – sondern von politischen Entscheidungen.
Was soll Wiesbaden sein?
Zum Ende des Abends stellte Stefan Schröder eine Frage, die größer war als jede Einzelmaßnahme, größer als jede Förderampel und jede Haushaltsspalte: Was soll Wiesbaden sein? Eine Kongressstadt mit internationaler Strahlkraft? Eine digitale Modellkommune, die Verwaltung neu denkt? Eine Stadt im Grünen, die ihre Parks und Wälder zum Markenzeichen erhebt? Oder eine wirtschaftsstarke Drehscheibe im Rhein-Main-Gebiet, die Investoren anzieht und Arbeitsplätze sichert?
Die Antworten mal als knackige Slogans, oder als tastende Selbstvergewisserung. Wiesbaden solle lebenswert bleiben, sagten mehrere. Zukunftsfähig müsse es sein. Sozial gerecht. Familienfreundlich. Wirtschaftlich dynamisch. Nachhaltig sowieso.
Man hörte den Wunsch nach Wachstum – und die Mahnung zur Maßhaltung. Man hörte das Bekenntnis zur Wirtschaft – und die Forderung nach sozialer Balance. Man hörte die Sehnsucht nach einer Stadt, die modern wird, ohne sich selbst zu verlieren.
Gerade weil keine dieser Visionen allein stehen blieb, zeigte sich die eigentliche Spannung: Wiesbaden ist vieles zugleich. Kurstadt mit Tradition. Verwaltungsstandort. Wohnort für Pendler. Heimat für Handwerk und Mittelstand. Teil einer Metropolregion, die Druck erzeugt – auf Flächen, auf Mieten, auf Straßen.
Eine „Stadt im Grünen“ klingt einladend, doch sie braucht Gewerbeflächen, um Einnahmen zu sichern. Eine „digitale Stadt“ verspricht Effizienz, darf aber niemanden abhängen. Eine „Kongressstadt“ lebt vom internationalen Publikum, muss aber auch bezahlbaren Wohnraum für ihre eigenen Bürger schaffen.
Vielleicht lag genau darin die Ehrlichkeit dieses Abends: Niemand präsentierte das eine, alles erklärende Zukunftsbild. Stattdessen wurde deutlich, dass Politik in Wiesbaden vor allem Abwägung bedeutet. Zwischen Wachstum und Bewahrung. Zwischen Tempo und Rücksicht. Zwischen Innovation und Identität.
Zwei Wochen bleiben bis zur Wahl. Rund 250.000 Wahlberechtigte in der Stadt, weitere 150.000 im Kreis. Sie halten keine einfache Ja-Nein-Entscheidung in der Hand, sondern einen langen Stimmzettel mit vielen Möglichkeiten. Sie können kumulieren, panaschieren, gewichten. Sie können Nuancen wählen.
Foto – Blick aufs Podium ©2026 Wiesbaden lebt
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