Ein NS-Propagandafilm im Unterricht: Schüler lernen, wie Kino im Nationalsozialismus gezielt manipulierte.
Filme können unterhalten, berühren, ablenken. Und sie können manipulieren. Genau dort setzt ein ungewöhnliches Bildungsprojekt an, das in Wiesbaden Schüler nicht nur ins Kino führt, sondern mitten hinein in die Mechanismen der NS-Propaganda. Vom 9. Juni bis 18. August zeigen verschiedene Institutionen zusammen den berüchtigten Film „Jud Süß“ – nicht als nostalgische Rückschau, sondern als Lehrstück über gezielte Verführung durch Bilder.
Murnau Filmtheater, kurz gefasst
Filvorführung – „Jud Süß“
Eintritt: 3,50 pro Schüler
Wann: 9., 15., 16., 22. Juni sowie 17. und 18. Augus 2026, jeweils um 15:30 Uhr
Wo: Murnau Filmtheater, Murnaustraße 6, 65189 Wiesbaden
Zu Beginn gint es eine Einführung in die NS-Filmpolitik und den konkreten Film. Danach wird der rund 90 minütige FIlm zusammen angesehen und im Anschluss daran eine Diskussion und ein Auswertungsgespräch geführt.
Organisiert wird die Reihe vom Medienzentrum Wiesbaden zusammen mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, dem Institut für Kino und Filmkultur sowie der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Unterstützt wird das Projekt von der Nassauischen Sparkasse.
Ein Film, der Hass inszenierte
Der Film „Jud Süß“, 1940 unter der Regie von Veit Harlan entstanden, gehört zu den perfidesten Beispielen nationalsozialistischer Propaganda. Unter der Kontrolle von Joseph Goebbels entstand ein Werk, das gezielt antisemitische Stereotype verbreitete und emotional auflud. Die Geschichte des jüdischen Bankiers Joseph Süß Oppenheimer verzerrte der Film bis zur Unkenntlichkeit – und machte daraus ein Werkzeug der Hetze.
Dass der Film damals rund 20 Millionen Menschen erreichte, zeigt, wie effektiv diese Strategie funktionierte. Unterhaltung diente als Tarnung, Ideologie als Botschaft. Nach dem Krieg verschwand der Film aus den Kinos und zählt heute zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen – Werke, die nur unter strengen Auflagen gezeigt werden dürfen.
Lernen im Kinosaal
Genau diese kontrollierte Form der Auseinandersetzung bietet das Projekt. Die Vorführungen im Murnau-Filmtheater beginnen jeweils am Nachmittag um 15:30 Uhr . Doch es bleibt nicht beim bloßen Anschauen. Jede Veranstaltung führt zunächst in die NS-Filmpolitik ein und erklärt, wie Propaganda funktioniert.
Während des Films erhalten die Schüler Beobachtungsaufträge. Sie sollen hinschauen, hinterfragen, Muster erkennen. Danach wird diskutiert. Offen, kritisch, manchmal auch irritiert. Denn der Film wirkt – und genau das soll sichtbar werden.
Diskussion statt Schweigen
Der Referent Michael Kleinschmidt führt durch die Gespräche. Er erklärt nicht nur, er fordert heraus. Er stellt Fragen, lässt Raum für Widerspruch, bringt historische Zusammenhänge auf den Punkt. Die Jugendlichen äußern ihre Eindrücke, vergleichen damalige Strategien mit heutigen Medien und erkennen schnell: Manipulation hat viele Gesichter.
Das Projekt zeigt, dass politische Bildung nicht trocken sein muss. Sie kann lebendig sein, unbequem, manchmal sogar überraschend humorvoll – zumindest dann, wenn vermeintlich einfache Bilder plötzlich ihre Wirkung verlieren.
Warum das wichtig bleibt
Gerade in Zeiten digitaler Medien gewinnt die Fähigkeit, Inhalte kritisch zu hinterfragen, an Bedeutung. Das Projekt nutzt einen historischen Film, um aktuelle Kompetenzen zu stärken. Es geht nicht nur um Vergangenheit. Es geht um Gegenwart – und um die Frage, wie leicht sich Menschen beeinflussen lassen.
Oder anders gesagt: Wer versteht, wie Propaganda funktioniert, erkennt sie schneller. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Lektion dieses Nachmittags im Kino.
Foto ©2026 LH Wiesbaden lebt
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Die Internetseite der Murnau Stiftung finden Sie unter www.murnau-stiftung.de.




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