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Fiktive Straßenbahn über die Biebricher Allee, Linie 1, Ziel Biebricher Rheinufer.

Citybahn/Straßenbahn lebt politisch wieder auf

Fast sechs Jahre nach dem Bürgerentscheid gegen die Citybahn flammt die Debatte wieder auf. Im Rathaus prallen Befürworter und Gegner einer Straßenbahn aufeinander. Zwischen Gutachten, Finanzfragen und einer satirischen „Frankenstein-Monster“-Rede wird deutlich: Das Thema ist längst nicht erledigt.

Volker Watschounek 22 Minuten vor 0

Fast sechs Jahre nach dem „Nein“ zur Citybahn kehrt die Straßenbahn zurück auf die politische Bühne.

Es war kurz vor neun Uhr am Abend, als die Geister der Wiesbadener Verkehrspolitik zurückkehrten. Im Stadtparlament wurde wieder über die Citybahn gesprochen – jenes Projekt, das die Stadt jahrelang beschäftigte und 2020 in einem Bürgerentscheid scheiterte. Fast sechs Jahre später zeigt sich: Die Straßenbahn ist noch lange nicht begraben.

Was unter dem Aktenzeichen 26-F-55-0012 als Antrag der Linken für ein neues, unabhängiges Gutachten begann, entwickelte sich in der Stadtverordnetenversammlung rasch zu einer der emotionalsten Debatten. Zwischen sachlichen Argumenten über Kapazitätsgrenzen des Busverkehrs, Verweisen auf den Bürgerentscheid und einer satirischen Horror-Geschichte lagen einige Redebeiträge.

„Mit dem Bus allein werden wir die Ziele nicht erreichen“

Für die Linke eröffnete Daniel Winter die Debatte mit einem Blick auf den neuen Nahverkehrsplan. Dieser werde den öffentlichen Nahverkehr zwar ab 2027 deutlich verändern. Gleichzeitig zeigten die eigenen Fachgutachten der Stadt jedoch die Grenzen eines reinen Bussystems auf.

Winter verwies darauf, dass der ÖPNV-Anteil in Wiesbaden seit Jahren bei rund 17 Prozent stagniere. Das Ziel des Green-City-Masterplans liege jedoch bei 25 Prozent bis 2035. „Die für uns verpflichtende Zielmarke von 25 Prozent ist mit einem reinen Busbetrieb nicht erreichbar“, sagte Winter und berief sich dabei auf die Gutachter des Nahverkehrsplans.

Auch die einst von Citybahn-Gegnern ins Spiel gebrachte Alternative eines Bus-Rapid-Transit-Systems sei nie umgesetzt worden. Ebenso wenig habe der Test eines Doppelgelenkbusses konkrete Folgen gehabt. Die Stadt operiere deshalb weiterhin an denselben Kapazitätsgrenzen wie vor Jahren.

SPD mahnt zu einem neuen Verfahren

Für die SPD bekannte Simon Becker offen, dass Wiesbaden eine ernsthafte Diskussion über seine Verkehrszukunft brauche. Gleichzeitig warnte er davor, die Fehler der Citybahn-Diskussion von 2020 zu wiederholen. Die damalige Auseinandersetzung habe die Stadtgesellschaft gespalten. Wer heute erneut über eine Straßenbahn sprechen wolle, müsse dies mit Respekt vor dem damaligen Bürgerentscheid tun. Becker warf den Linken zudem vor, Teile des SPD-Wahlprogramms nahezu wörtlich übernommen zu haben. Seine Fraktion plädierte deshalb dafür, den Antrag zunächst in den Mobilitätsausschuss zu überweisen.

Grüne und Volt: Offen für Schienen, aber nicht jetzt

Ähnlich argumentierten die Grünen. Stadtverordneter Lukas Kissleer machte deutlich, dass aktuell Gespräche über eine neue Rathausmehrheit liefen. Er betonte, dass man zunächst politische Mehrheiten organisieren müsse, bevor man ein Projekt mit einer Tragweite wie einer Straßenbahn erneut auf die Tagesordnung setze.

Noch deutlicher wurde Volt-Fraktionschef Daniel Weber. Persönlich halte er einen schienengebundenen Nahverkehr für sinnvoll. „Ja, ich persönlich finde einen schienengebundenen Verkehr für so eine Größe in so einer Stadt sinnvoll“, sagte Weber. (Anm. d. Red. Wiesbaden ist die einzige Landeshauptstadt ohne Straßenbahn). Ohne Umschweife verwies Weber auf die dramatische Haushaltslage der Stadt. „Wie sollen wir es denn finanzieren?“, fragte er in Richtung der Befürworter.

Bereits bestehende Projekte wie Wallauer Spange, Aartalbahn oder weitere Schienenvorhaben müssten ebenfalls finanziert werden.

Andreas Kowol erinnert an alte Gutachten

Besonders aufmerksam verfolgt wurde der Beitrag vom Verkehrsdezernenten Andreas Kowol. Der Grünen-Politiker erinnerte an das 2019 entwickelte Mobilitätsleitbild. Damals lautete es im Ergebnis, dass eine Stadt wie Wiesbaden langfristig von einem Schienenverkehrssystem profitieren könne.

Kowol erläuterte ausführlich, warum sowohl Bus-Rapid-Transit-Systeme als auch Doppelgelenkbusse letztlich nicht weiterverfolgt wurden. Das BRT-System hätte nahezu dieselben Eingriffe in den Straßenraum verursacht wie eine Straßenbahn. Doppelgelenkbusse wiederum seien technisch und wirtschaftlich problematisch gewesen. Gleichzeitig bremste Kowol jede Euphorie.

Straßenbahnprojekte hätten Laufzeiten von zehn bis zwanzig Jahren. Voraussetzung seien Förderfähigkeit, Akzeptanz und erhebliche Investitionen. „Die wesentlichen Grundlagen liegen ja eigentlich vor. Wir müssen sie umsetzen“, sagte Kowol.

Christian Hill macht aus der Citybahn ein Horror-Märchen

Den ungewöhnlichsten Auftritt des Abends lieferte FDP-Stadtverordneter Christian Hill. Statt Zahlen, Gutachten und Verkehrsmodellen präsentierte er den Stadtverordneten eine satirische Geschichte über das Citybahn-Frankenstein-Monster.

Mit sichtlichem Vergnügen zeichnete Hill das Bild einer längst begrabenen Citybahn, die von einem Roten Baron von Frankenstein wieder zum Leben erweckt werden solle. „Die Citybahn liegt tief im Grab, beerdigt von einem Großteil der Bürger“, begann Hill. Der „Rote Baron“ lade das tote Monster auf einen Eselskarren und bringe es in ein „finsteres linkes Politlabor“, wo dessen Wiederauferstehung vorbereitet werde. Vor den Toren versammelten sich laut Hill bereits die Bürger mit „Fackeln und Mistgabeln“, um das Monster erneut zu stoppen. Der FDP-Politiker steigerte die Erzählung bis zu der Pointe, der „Rote Baron“ solle am besten auf eine Insel wie Kuba verbannt werden.

Im Stadtverordnetensaal sorgte die Rede gleichermaßen für Gelächter, Kopfschütteln und Empörung.

Linke kontert scharf

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Linken-Fraktionschef Alexander von Seemen warf den Gegnern vor, Demokratie falsch zu verstehen. Bürgerentscheide seien keine Entscheidungen für die Ewigkeit. „Man kann in der Demokratie immer wieder über Dinge abstimmen“, sagte von Seemen. Besonders scharf griff die Linke anschließend Christian Hill an. Daniel Winter erkannte nicht die Satire im Vortrag – sprach von einem „rassistischen Ausfall“, nachdem Hill in seiner Rede Kuba und dessen Einwohner thematisiert hatte.

Entscheidung vertagt

Am Ende wurde weder für noch gegen eine neue Prüfung der Citybahn entschieden. Die Mehrheit des Parlaments folgte dem Antrag von SPD und Grünen und überwies die Angelegenheit in den Mobilitätsausschuss. Dort wird die Debatte nun fachlich fortgesetzt.

Eines allerdings wurde an diesem Abend deutlich: Die Citybahn mag den Bürgerentscheid von 2020 verloren haben. Politisch lebt sie weiterhin – und sorgt noch immer für hitzige Debatten im Wiesbadener Rathaus.

Foto – Die Debatte um die Citybahn kehrte zurück. ©2026 KI-generiert

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Die ganze Stadtverordnetenverstammlung vom 28. Mai können Sie online ansehen.

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