Reinemers: Erbenheim feiert Traditionshandwerk zwischen Werkstatt, Wärmepumpe und Geschichte.
Es passt zu diesem Tag, dass ausgerechnet heute auch das Erbenheimer Höfefest beginnt. Die Tore stehen offen, Nachbarn kommen vorbei, Bekannte, Angestellte und einzelne Kunden. Im Innenhof wird gesprochen, gelacht, erinnert. Und mittendrin steht eine Familie, die den Ort seit Generationen prägt.
Goldene Stadtplakette für fünf Generationen
Auch Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe mende ließ es sich nicht nehmen, persönlich vorbeizuschauen. Er überbrachte der Familie die Goldene Stadtplakette der Landeshauptstadt Wiesbaden – als Würdigung für 150 Jahre Handwerk, Beständigkeit und Verbundenheit mit Erbenheim.

Geehrt wurde die Franz Reinemer Söhne Inh. Eckhard und Stefan Reinemer Gbr, ein Betrieb, der inzwischen in fünfter Generation geführt wird. Es ist noch gar nicht lange her, da stand der Vater Franz Reinemer selbst täglich im Betrieb, organisierte Baustellen, sprach mit Kunden, reparierte Heizungen. Inzwischen hat sein Sohn Stefan Reinemer übernommen. Der Übergang wirkt dabei nicht wie ein Bruch, sondern wie eine Fortsetzung. Hineingewachsen, denn vieles hat sich verändert in anderthalb Jahrhunderten – und manches eben nicht.
Vom Spenglerhandwerk zur Wärmepumpe
Die Geschichte begann mit Franz Reinemer, dem „Spengler Franz“, wie er in Erbenheim genannt wurde. Dachrinnen, Fallrohre, Blecharbeiten – gefertigt mit schweren Rundmaschinen aus Holz, Leder und Metall. Ein paar der Werkzeuge befinden sich heute noch in der Werkstatt.
„Der Urgroßopa hat eigentlich mit dem Spenglerhandwerk angefangen“, erzählt Stefan Reinemer im Innenhof des Familienbetriebs. Früher seien Dachrinnen noch meterweise gefertigt und verlötet worden. Heute kämen viele Teile fertig geliefert. „Das beschleunigt natürlich die Arbeit.“ Für Dachdecker. Der Beruf des Spenglers sei im Laufe der Jahre nahezu ausgestorben. Dachdecker würden die Arbeiten heute mit erledigen, und die Reinemers fokussierten sich auf dne Heizungsbau.
Stillstand gibt es nicht. Mit den Jahrzehnten veränderten sich auch im heizungsbau Materialien und Arbeitsweisen. Aus verzinkten Stahlrohren wurden Kupferleitungen, später moderne Kunststoffsysteme. Wo früher Gewinde mit Muskelkraft geschnitten wurden, arbeiten heute Pressmaschinen. Und längst gehören Wärmepumpen, moderne Heiztechnik und digitale Steuerungen zum Alltag.
„Man muss immer neu dazulernen“, sagt Reinemer. Gerade die vergangenen Jahre hätten gezeigt, wie schnell sich die Branche verändert.
Ein Haus, das Kriege überstand
150 Jahre Reinemer: Das Hubiläum steht am 23. Mai im Mittelpunkt. Wenn man aber beim Erbenheier Höfefest im Hof des Betriebes steht, kommt man nicht umhin, über das Haus zu sprechen. Die Nummer 5 in der heutigen Buschungstraße – früher Obergasse – stammt aus dem Jahr 1604. Ein Türbalken mit Jahreszahl 1604 zeugt von von den Anfängen. Das Gebäude soll als einziges Wohnhaus in Erbenheim den Dreißigjährigen Krieg überstanden haben.
Im Dachstuhl finden sich noch Brandspuren früherer Jahrhunderte. Und die Geschichte der Familie Reinemer reicht sogar bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück. Bereits 1609 taucht der Name in Erbenheimer Aufzeichnungen auf. Die Familie stellte über Generationen Gastwirte, Handwerker, Landwirte und Schultheißen.

Und das Haus selbst erlebte dramatische Momente. Einst brach ein alter Stützbalken, das Gebäude sackte ab, Türen klemmten, Bewohner mussten durchs Fenster ins Freie. Teile des Hauses wurden dann erneuert – und doch bleibt das Gefühl, dass hier Geschichte nicht archiviert wird, sondern weiterlebt.
Vertrauen statt schneller Geschäfte
Vielleicht erklärt genau das auch die besondere Beziehung vieler Kunden zum Betrieb. Noch heute gibt es im Büro dutzende Schlüssel langjähriger Kunden. Wenn irgendwo in Erbenheim ein Rohr platzt oder die Heizung streikt, kommen die Reinemers hinein – auch wenn niemand zuhause ist.
„Das funktioniert nur über Vertrauen“, erklärt Franz Reinemer.
Und vielleicht ist genau das das eigentliche Geheimnis dieses Jubiläums: Nicht nur Rohre, Heizungen und Dächer haben 150 Jahre überdauert. Sondern vor allem Beziehungen.
Foto ©2026 Volker Watschounek
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