Vorlass öffnet Wiesbadens Stadtarchiv für internationale Theatergeschichte und neue Forschungsperspektiven.
Wenn Theatergeschichte in Kisten wandert, beginnt kein Abschied, sondern ein Dialog mit der Zukunft. In Wiesbaden geschah genau das: Dr. Manfred Beilharz übergab seinen künstlerischen Vorlass an das Stadtarchiv – ein Akt der Großzügigkeit und der Verantwortung. Über dreißig Kisten voller Programme, Fotos, Briefe, Skizzen und Erinnerungen markieren nun eine Karriere, die deutsche Theaterlandschaften prägte und internationale Linien zog.
Ein Vertrag – und ein Versprechen
Im Kulturdezernat am Schillerplatz unterschrieb Beilharz den Schenkungsvertrag. Dr. Hendrik Schmehl, Kulturdezernent und Stadtkämmerer, nahm ihn für die Landeshauptstadt entgegen. Die Geste wog schwerer als Papier: Wiesbaden erhielt ein Konvolut, das die ästhetischen Debatten mehrerer Jahrzehnte dokumentiert. Dr. Peter Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs, sprach von einem Glücksfall – nicht nur für die Stadt, sondern für die Forschung.
Neun Umzüge, ein roter Faden
Beilharz’ Weg führte von München über Castrop-Rauxel, Tübingen, Freiburg, Kassel und Bonn nach Wiesbaden. Er leitet e Theater, formte Ensembles, setzte Themen. Früh verband er regionale Verankerung mit internationalem Blick. Er arbeitete als Intendant, Regisseur, Festivalmacher. Er lehrte, er vernetzte, er öffnete Räume. Der rote Faden: Theater als öffentliche Angelegenheit, als Kunstform, die Politik berührt, ohne sich zu verbiegen.
Bonn, Berlin – und der Sprung nach Wiesbaden
In Bonn feierte Beilharz Erfolge, die bis zum Berliner Theatertreffen reichten. Inszenierungen reisten, Stimmen wurden laut. 2002 wechselte er nach Wiesbaden und prägte dort über ein Jahrzehnt das Hessische Staatstheater Wiesbaden. Er schärfte Profile, setzte auf Gegenwartsdramatik, stärkte internationale Kooperationen. Theater verstand er als Begegnung – zwischen Stadt und Welt.
Festivals als Labor der Gegenwart
Manfred Beilharz gründete Festivals, die Debatten beschleunigten: von „Neue Stücke aus Europa“ bis zu Projekten, die politische Umbrüche spiegelten. Die von ihm mitinitiierte Linie lebt weiter, etwa in der Wiesbaden Biennale, die internationale Perspektiven in die Stadt holt. Auch die Maifestspiele erhielten unter seiner Leitung neue Akzente: Kosmopolitisch, neugierig, offen.
Internationale Verantwortung
Parallel wirkte Beilharz im Internationalen Theaterinstitut, dessen Ehrenpräsident er heute ist. Als Präsident führte er Dialoge über Grenzen hinweg, getragen vom Netzwerk der UNESCO. Theater blieb für ihn nie Selbstzweck, sondern Verständigung – gerade in Zeiten der Verwerfung.
Was der Vorlass erzählt
Der nun übergebene Vorlass bündelt Material aus allen Stationen: Programmhefte, Spielzeitbücher, Inszenierungsskizzen, Korrespondenzen, Presse. Das Archiv bewahrt nicht nur Fakten, sondern Haltungen. Es zeigt, wie Theater auf Zeit reagiert, wie es Städte prägt, wie es international spricht. Forschende können Entwicklungen nachzeichnen, Studierende lernen Arbeitsweisen kennen, die Öffentlichkeit gewinnt Zugang.
Ein Instrument, ein Moment
Zur Unterzeichnung brachte Beilharz ein Schofar mit – Geschenk einer Kollegin aus Tel Aviv, Erinnerung an eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Der Ton, den er dem Instrument entlockte, war kurz und eindringlich. Er erinnerte daran, dass Kunst Verbindungen stiftet. Und daran, dass diese Verbindungen Pflege brauchen.
Ein Archiv als Werkstatt
Der Vorlass macht das Stadtarchiv zur Werkstatt der Theatergeschichte. Wiesbaden sichert damit nicht nur sein kulturelles Gedächtnis, sondern lädt zum Weiterdenken ein. Beilharz’ Material erzählt von Neuanfängen, von Austausch, von Mut. Es wartet darauf, gelesen, befragt, genutzt zu werden.
Foto – Dr. Hendrik Schmehl, Dr. Manfred Quadflieg, Dr. Peter Quadflieg. ©2026 LH Wiesbaden
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