Im Stadtplanungsspiel erfahren Kinder Demokratie hautnah, treffen Entscheidungen und gestalten ihre eigene Stadt im Ferienprogramm.
Im Kinder- und Jugendzentrum in der Reduit ist in den Osterferien eine eigene Welt entstanden: nicht aus Beton, sondern aus Ideen. Sie lebte von Entscheidungen, Streitgesprächen, Kompromissen – und von Kindern, die plötzlich Verantwortung übernahmen. Das Stadtplanungsspiel im Ferienprogramm der Landeshauptstadt zeigte, was passiert, wenn man junge Menschen einfach machen lässt.
Und es zeigte: Kastel ist der Stadt ein Stück voraus.
Demokratie zum Anfassen
Mehr als 60 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sind in der ersten Ferienwoche täglich von 10 bis 16 Uhr in die Reduit geströmt. „Viele sind jünger als sonst, viele besuchen gerade erst die erste Klasse“, erklärt Rahel Kizina, Leiterin des Kinder- und Jugendzentrums, am Rande der Abschlussveranstaltung am Gründonnerstag. Wer meint, dort wurde nur gebastelt, verkennt das Konzept.
Arbeiten, verdienen, entscheiden
Jeden Morgen führte die Teilnehmer der erste Weg ins Jobcenter. Dort wählten die Kinder ihren Beruf für den nächsten Tag. Neun verschiedene Jobs standen zur Auswahl: vom TV-Studio über die Werkstatt bis zum Rathaus. Und dann begann der Alltag in der kleinen Stadt.
Vier Stunden Arbeit brachten acht Einheiten Spielgeld. Wer geschickt wirtschaftete, legte sein Geld bei der Bank an – inklusive Zinsen. Wer kreativ war, drehte Werbung, produzierte Filme oder baute Produkte für das Kaufhaus. Beim Stadtplanungsspiel griff alles ineinander. Jeder Betrieb startete mit einem kleinen Budget, jedes Projekt brauchte Ideen – und hatte Mitstreiter.
So entstand sogar ein eigenes Wirtschaftssystem. Die Kinder verhandelten Preise, organisierten Aufträge und reagierten auf Nachfrage. Als der Bedarf stieg, beschlossen sie kurzerhand, den Lohn zu erhöhen: Statt zwei Euro wurden dann vier Euro ausgezahlt.
Ein Satz fiel dabei fast beiläufig – und trifft doch den Kern: Im Kinder- und Jugendzentrum hat niemand von oben entschieden, es waren die Kinder selbst, die die Regeln aufgestellt haben.
Eine Woche voller Möglichkeiten
„Wir haben gebaut, gemalt, Theater gespielt, Filme gedreht“, sagt Bürgermeister Timo bei der Abschlussrunde im Hof der Reduit. Es klang wie ein Wochenrückblick – und doch steckte mehr dahinter. Denn jeder Tag endete mit einer Vollversammlung im Rathaus. Dort präsentierten die Kinder ihre Ergebnisse, diskutierten Probleme und stimmten über Veränderungen ab. Wer etwas will, muss überzeugen.
Manchmal fehlten Worte. Dann haben Bilder, Farben oder Filme diese ersetzt und geholfen. Und manchmal entstanden Lösungen, auf die Erwachsene nicht gekommen wären. Wiesbadens Sozialdezernentin Dr. Patricia Becher zeigte sich bei ihrem Besuch beeindruckt und erwähnte nahezu beiläufig, dass Kastel inzwischen sogar ein Kinderparlament habe – und damit auch echte Beteiligung über das Ferienprogramm hinaus denkt.

Wahl des Oberbürgermeisters und Bürgermeisters
Und weil eine Stadt nicht ohne Bürgermeister auskommt, haben die Teilnehmer in der Woche auch Wahlkampf betrieben und gewählt. Farian war in dieser Woche Oberbürgermeisterin, Timo Bürgermeister. Beide setzten sich in einer echten Wahl durch – mit Wahlkampf, Programmen und geheimer Abstimmung. „Was wir versprochen haben, haben wir umgesetzt“, sagt Farian später selbstbewusst. Mehr Pausen, höherer Lohn – beschlossen und durchgesetzt.
Das klingt spielerisch. Ist es auch. Und gleichzeitig erstaunlich ernst.
Nachfrage größer als das Angebot
Das Stadtplanungsspiel ist in Wiesbaden seit mehr als zehn Jahren fester Bestandteil des Ferienprogramms, und die Begeisterung wächst immer weiter. Die Plätze sind schnell vergeben, die Warteliste lang. „Wir hätten auch 90 Kinder nehmen können“, sagt die Leiterin des Kinder- und Jugendzentrums. Und die vier Tage – von Montag bis Donnerstag – reichen kaum aus. Viele wünschen sich eine längere Laufzeit. Zwei Tage mehr, vielleicht eine ganze Woche zusätzlich.
Dass es weitergeht, daran zweifelt hier niemand.
Mehr als ein Spiel
Am Ende dieser Woche stehen keine Noten, keine Zertifikate. Aber etwas bleibt: Kinder, die gelernt haben, wie eine Stadt funktioniert. Wie man wählt, verhandelt, entscheidet. Und wie sich Verantwortung anfühlt.
Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn dieses Ferienprogramms in der Reduit: Es zeigt, dass Demokratie nicht erklärt werden muss. Man kann sie einfach machen.
Foto – Stadtplanungsspiel, einkaufen im Cafe. ©2026 vwa
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