Menü

kalender

Juni 2026
M D M D F S S
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  

Partner

Partner

/* */
Touch by Art, Initiatoren, Unterstützer und Macher des Projekts.

Inklusion trifft Kunst: Touch by Art begeistert im Museum

„Touch by Art“ im Reinhard Ernst Museum zeigte am Mittwochabend, wie Kunst Barrieren überwindet: Künstlerduos mit und ohne Behinderung schufen gemeinsame Werke, die berühren. Die Preview gab bewegende Einblicke – bevor die Arbeiten bei einer Auktion heute Abend, 25. Juni, für den guten Zweck versteigert werden.

Volker Watschounek 1 Stunde vor 0

Im Reinhard Ernst Museum zeigt „Touch by Art“, wie Kunst Barrieren überwindet – mit starken Begegnungen und bewegenden Werken.

Ein leises Lächeln, ein vorsichtiger Strich – und plötzlich entsteht etwas, das mehr ist als ein Bild. Am Mittwochabend öffnete das Museum Reinhard Ernst seine Türen für die Preview von „Touch by Art“. Ein Projekt, das nicht nur Kunst zeigt, sondern Begegnung ermöglicht. Künstler mit und ohne Behinderung arbeiteten über Wochen hinweg in Tandems zusammen. Was dabei entstand, ist präsentierten sie erstmals am Mittwochabend der Öffentlichkeit – unmittelbar vor der Versteigerung am Donnerstagabend.

Touch by Art verbindet Menschen auf ganz besondere Weise, nämlich durch die Kunst“, sagte Wiesbadens Inklusionsbeauftragte Andrea Hausy zur Begrüßung. Sie führte durch einen Abend, der gleichermaßen Ausstellung, Gespräch und gesellschaftliches Signal war.

Zwei Monate, zehn Tandems, viele Perspektiven

Im April und Mai hatten sich insgesamt zehn Künstlerduos in den Palasthotels in Wiesbaden getroffen. Sie kannten sich zuvor nicht, brachten unterschiedliche Erfahrungen, Biografien und Ausdrucksformen mit. Ziel war kein fertiges Konzept – sondern der Prozess selbst.

Es war ein Wagnis“, sagte Hausy. „Aber eines, das sich gelohnt hat.“ Die Tandems näherten sich einander an, künstlerisch wie menschlich. Aus Begegnungen wurden Ideen, aus Ideen Werke. Und aus Unterschieden entstand Gemeinsamkeit.

Ein Künstler beschreibt es schlicht:Ich habe aus meinem Herzen meine ganze Kreativität hineinfließen lassen.“ Ein anderer ergänzt: „Man überrascht sich selbst jeden Tag neu.“ Es sind Sätze, die zeigen, worum es in diesem Projekt geht – nicht um Perfektion, sondern um Ausdruck.

Kunst als gemeinsamer Weg

Wie intensiv diese Zusammenarbeit war, wurde in den Gesprächen auf der Bühne deutlich. Die Werke tragen Spuren ihres Entstehungsprozesses in sich. Linien, Farben, Formen – sie erzählen von Annäherung, Vertrauen und manchmal auch von Unsicherheit.

„Kunst ist immer gut, wenn sie aus dem Herzen entsteht“, sagte eine beteiligte Künstlerin. Genau das habe die Zusammenarbeit getragen: das gegenseitige Zuhören, das gemeinsame Ausprobieren, das Aushalten von offenen Prozessen.

Ein Tandem arbeitete mit Stein und Farbe, ein anderes mit Collage und Zeichnung. Wieder andere entwickelten Bilddialoge, in denen sie abwechselnd auf die Arbeiten des Partners reagierten. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie die Menschen dahinter – und gerade deshalb so eindrucksvoll.

Prominente Stimmen für Inklusion

Auf dem Podium wurde schnell klar, dass „Touch by Art“ weit mehr ist als ein Kunstprojekt. Es ist ein gesellschaftlicher Resonanzraum – und genau so wurde es von den Gästen diskutiert. Schauspielerin und Deaf-Performerin Cindy Klink sprach mit großer Klarheit über die Realität vieler Künstler mit Behinderung. Sichtbarkeit, so machte sie deutlich, sei keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis harter, oft unsichtbarer Arbeit. „Menschen mit Behinderung müssen oft vier- bis zehnmal so hart kämpfen, um überhaupt gesehen zu werden“, sagte sie – ein Satz, der im Raum nachhallte.

Gerade deshalb sei ein Format wie „Touch by Art“ so wichtig. Es verschiebe Perspektiven, weil es nicht trennt, sondern zusammenführt. „Hier passiert etwas gemeinsam – nicht parallel, nicht getrennt“. In der Kunst entstehe so ein Raum, in dem Unterschiede nicht nivelliert, sondern produktiv gemacht werden. Barrieren würden nicht theoretisch diskutiert, sondern praktisch überwunden – im gemeinsamen Arbeiten, im Austausch, im Prozess.

Klink, die als Deaf-Performerin Musik über Gebärdensprache und Körperausdruck erfahrbar macht, verwies zugleich auf eine oft übersehene Dimension von Kultur: ihren Zugang. Kunst, so ihr Appell, müsse für alle erlebbar sein – nicht nur formal, sondern tatsächlich. „Kunst ist für alle da“, sagte sie. Und genau darin liege auch ihre politische Kraft.

„Sich künstlerisch ausdrücken zu können, gehört zur Menschenwürde. Diese Möglichkeit darf keinem Menschen genommen werden – sie muss gefördert werden.“ – Matthias Loyal

Diese Perspektive griff Hessens Sozialministerin Heike Hofmann auf und verankerte sie im größeren gesellschaftlichen Kontext. Kulturelle Teilhabe sei kein Zusatzangebot, sondern ein verbrieftes Recht. „Nach der UN-Behindertenrechtskonvention ist kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht“, sagte Hofmann. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe noch immer eine Lücke.

Projekte wie „Touch by Art“ könnten helfen, diese Lücke zu schließen. Sie zeigten konkret, wie Begegnung gelingt – jenseits von Konzeptpapieren und politischen Leitlinien. „Hier kommen Menschen wirklich miteinander in Berührung“, so Hofmann. Das sei nicht nur für die Beteiligten ein Gewinn, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Besonders hob sie hervor, dass Kunst Menschen in eine aktive Rolle bringe. Wer gestaltet, sei nicht länger nur Teil eines Systems, sondern wirke selbst daran mit. Gerade für Menschen mit Behinderung bedeute das einen Perspektivwechsel: weg von Zuschreibungen, hin zu Selbstbestimmung und Ausdruck.

Ein Museum als Ort der Begegnung

Für Museumsgründer Reinhard Ernst ist die Idee hinter „Touch by Art“ kein Zusatz, sondern Teil eines größeren Selbstverständnisses. Sein Haus versteht er nicht allein als Ort für Kunstbetrachtung, sondern als gesellschaftlichen Raum. „Wir wollen diesen Ort als dritten Ort verstehen“, sagte er – als einen Platz jenseits von Arbeit und Zuhause, an dem Menschen zusammenkommen, sich begegnen, ins Gespräch kommen. Ein Raum, der offen ist, unabhängig von Herkunft, Bildung oder individuellen Voraussetzungen.

Diese Haltung prägt auch seinen Blick auf das Thema Inklusion. Ernst formuliert ihn fast nüchtern – und gerade darin liegt seine Klarheit: „Es darf keinen Unterschied geben.“ Für ihn ist das kein programmatischer Anspruch, sondern eine Selbstverständlichkeit. Kunst, so sein Verständnis, kennt keine Hierarchien, keine Trennlinien. Wer ein Werk betrachtet, kann nicht erkennen, unter welchen Bedingungen es entstanden ist – und genau darin liegt für Ernst eine der größten Stärken künstlerischen Ausdrucks.

Dass „Touch by Art“ im Reinhard Ernst Museum seinen Platz gefunden hat, wirkt vor diesem Hintergrund folgerichtig. Das Projekt fügt sich nicht nur in das Konzept des Hauses ein – es schärft es. Es macht sichtbar, was Ernst meint, wenn er von Begegnung spricht: dass Menschen sich nicht über Unterschiede definieren, sondern über das, was sie miteinander schaffen können.

Auch Matthias Loyal, im Vorstand der EVIM, knüpfte daran an und führte den Gedanken weiter – weg von der Institution, hin zum Menschen. Für ihn steht im Zentrum die Frage nach Würde und Ausdruck. „Sich künstlerisch ausdrücken zu können, gehört zur Menschenwürde“, sagte er. Ein Satz, der weit über den Abend hinausweist.

Denn Ausdruck bedeutet mehr als Gestaltung. Es bedeutet, sich selbst zu zeigen, sichtbar zu werden, eine eigene Stimme zu entwickeln. Gerade Menschen, denen diese Möglichkeiten im Alltag oft eingeschränkt begegnen, gewinnen durch Kunst einen Raum zurück, in dem sie selbstbestimmt handeln können.

Projekte wie „Touch by Art“ leisten aus Loyals Sicht deshalb mehr als kulturelle Arbeit. Sie öffnen Perspektiven – bei den Beteiligten ebenso wie beim Publikum. Sie verschieben den Blick: weg von Defiziten, hin zu Fähigkeiten, zu Ideen, zu individueller Stärke. Vielfalt erscheint hier nicht als Herausforderung, die es zu bewältigen gilt, sondern als Ressource, die neue Formen des Denkens und Gestaltens ermöglicht.

„Zusammenhalt bedeutet, niemanden auszugrenzen. Jeder Mensch hat seine eigenen Möglichkeiten, sich auszudrücken – und genau dafür müssen wir Raum schaffen.“ – Gert-Uwe Mende

Wiesbaden als Stadt für alle

Später am Abend schloss sich auch Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende der Runde an – mit leichter Verspätung, aber hörbar engagiert. Schon in seinen ersten Worten wurde deutlich, dass „Touch by Art“ für ihn mehr ist als ein kulturelles Projekt. Es berührt einen Kern seines politischen Selbstverständnisses.

„Zusammenhalt bedeutet, niemanden auszugrenzen“, sagte Mende – und meinte damit nicht nur einen abstrakten Anspruch, sondern eine konkrete Aufgabe für die Stadtgesellschaft. Wiesbaden, so seine Überzeugung, müsse ein Ort sein, an dem jede und jeder seinen Platz findet. Nicht trotz, sondern mit den eigenen Stärken und auch mit den eigenen Grenzen.

In diesem Kontext bekommt Kunst für ihn eine besondere Rolle. Sie eröffnet Räume, in denen Menschen sich zeigen können – jenseits von Zuschreibungen, jenseits von Kategorien. „Jeder Mensch hat seine eigenen Möglichkeiten, sich auszudrücken“, betonte Mende. Genau diese Vielfalt sichtbar zu machen, sei eine der zentralen Herausforderungen – und zugleich eine große Chance für das Zusammenleben in der Stadt.

Besonders eindrücklich sei für ihn die Arbeitsweise der Künstlerduos gewesen. Mende hatte die Ateliers im Vorfeld besucht, Gespräche geführt, Prozesse beobachtet. Was ihn dabei überzeugte, war die Haltung hinter dem Projekt. „Es ist kein betreuendes Format, sondern ein gemeinsames“, sagte er. Ein Satz, der die Grundidee von „Touch by Art“ präzise auf den Punkt bringt.

Denn hier gehe es nicht um Unterstützung im klassischen Sinne, nicht um ein „für jemanden etwas tun“, sondern um Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Um ein Miteinander, das auch Reibung zulässt, das Unterschiede nicht glättet, sondern produktiv macht. Diese Form des kooperativen Arbeitens habe, so Mende, Vorbildcharakter – weit über den Kunstkontext hinaus.

Werke unter dem Hammer

Die Preview diente dabei nicht nur als erster Einblick, sondern als bewusste Bühne für die Künstlerduos und ihre Arbeiten. Nur 24 Stunden später, am heute Abend, am Donnerstag, kommen die entstandenen Werke im Reinhard Ernst Museum unter den Hammer. Ab 18:00 uhr kann im Museum mit geboten werden.

Die Auktion verfolgt dabei einen klaren Zweck: Die Erlöse fließen vollständig in die Weiterentwicklung des inklusiven Kunstprojekts „Touch by Art“ – und sollen dessen Zukunft nachhaltig sichern. Damit wird aus künstlerischer Begegnung konkrete Unterstützung für mehr kulturelle Teilhabe.

„Touch by Art verbindet Menschen auf besondere Weise – durch die Kunst. Hier stehen nicht die Unterschiede im Vordergrund, sondern das Gemeinsame.“ – Andrea Hauzy

Mehr als eine Ausstellung

Am Ende bleibt ein Eindruck, der sich schwer in Worte fassen lässt. „Touch by Art“ ist keine klassische Ausstellung. Es ist ein Experiment, ein Dialog, ein gesellschaftlicher Impuls. Oder, wie es Andrea Hausy formulierte: „Hier stehen nicht die Unterschiede im Vordergrund, sondern das Gemeinsame.“

Und genau darin liegt die Kraft dieses Projekts.

Foto – Gruppenfoto „Touched by art“ ©2026 Volker Watschounek

Weitere Nachrichten aus dem Stadtteil Mitte lesen Sie hier.

Mehr zum Inklusionsprojekt Touched by Art.

Diskutieren Sie mit

Diskutieren Sie mit

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert