Bei „Touched by Art“ wurde das Reinhard Ernst Museum am Donnerstagabend zur Bühne für Kunst, Begegnung und eine emotionale Auktion.
Es war ein Abend, der mehr wollte, als nur Kunst zu zeigen. Im Museum Reinhard Ernst wurde gestern Abend die Vision spürbar, die hinter „Touched by Art“ stand: ein Ort, der lebt, der verbindet – und der Menschen zusammenbringt. „Community Areas hat er sie genannt“, hieß es zu Beginn. Gemeint sind die Räume, die mehr sind als Architektur – sie wirken wie eine Einladung. Der Wunsch des Ehepaars Ernst ist klar formuliert: Das Museum soll Teil des Stadtlebens sein, ein Ort, „wo man zusammenkommt und wo die Geschichte gelebt wird“.
So auch am Donnerstagabend. Der Saal füllte sich, Stimmen mischten sich, Erwartungen lagen in der Luft. Zwischen Begrüßung und erstem Gebot wurde deutlich: Diese Auktion war mehr als ein Verkauf. Es war ein Ereignis, das Menschen zusammenführte.
Von der Idee zur Bewegung
Es deutete sich auch früh an, dass „Touched by Art“ längst mehr ist als ein einzelnes Format. Catherine S. Dallmer, im Museum zuständig für das Relationship-Management, sprach von „etwas ganz Großem“, von einem Projekt mit wachsender Strahlkraft. Die Initiatoren rund um Christne Rother und Torsten Anstett wurden ausdrücklich gewürdigt – für ihre Idee, Umsetzung und Energie. „Eure Begeisterung ist ansteckend und tut gut“, hieß es.
Diese Begeisterung trug durch den Abend. Kunst wurde nicht distanziert präsentiert, sondern unmittelbar erfahrbar gemacht. Musik eröffnete das Programm, der eigens komponierte „Touched by Art“-Song setzte einen emotionalen Auftakt. Sängerin Irina Sokova und Gitarrist Carlos Ressus verliehen dem Abend eine zusätzliche Dimension – irgendwo zwischen Konzert und Kunstereignis.

Ein „Starauktionator“ übernahm
Dann richtete sich der Fokus auf die Auktion. Und mit ihm auf einen, der das Geschehen prägte: Dirk Boll führte durch den Abend – kein Geringerer als einer der profiliertesten Auktionatoren des internationalen Hauses Christie’s.
Boll brachte nicht nur Tempo und Routine mit, sondern auch eine spürbare Leichtigkeit. Er spielte mit dem Publikum, suchte den Blickkontakt, reagierte auf jede Regung im Saal – und machte die Besucher zu Mitspielern. Zwischen den Geboten nahm er sich immer wieder Zeit, erklärte Abläufe, ordnete ein, übersetzte die Welt der Auktionen für ein Publikum, das nicht täglich mit Hammer und Bieterkelle zu tun hat. Begriffe und Mechanismen, wie sie sonst in London oder New York selbstverständlich sind, holte er herunter auf die Bühne in Wiesbaden.
So wurde aus der Auktion kein elitäres Ritual, sondern ein offenes Erlebnis. Boll erklärte, warum ein Einstiegsgebot bewusst gesetzt wird, wie sich Steigerungsschritte entwickeln und wann ein Zuschlag tatsächlich fällt. Er ließ Raum für Unsicherheit – und nahm sie zugleich. „Man darf den Auktionator auch überbieten“, sagte er augenzwinkernd und lockerte damit die Situation, bevor er im nächsten Moment wieder konzentriert das Geschehen steuerte.
Gleichzeitig verlor er nie den Rhythmus. „1500 Euro sind geboten – 1800?“, rief er, und innerhalb von Sekunden reagierte der Saal. Kellen gingen hoch, ein Raunen zog durch die Reihen. Boll hielt die Spannung, beschleunigte, bremste, setzte gezielt Pausen. Er führte durch den Abend wie ein Dirigent – souverän, präzise und immer im Dialog mit dem Publikum.
Der Auftakt gelang eindrucksvoll: Eine Skulptur stieg rasch über den Schätzpreis hinaus und wechselte schließlich für 2.500 Euro den Besitzer. Doch es waren nicht nur die Zahlen, die den Abend bestimmten. Es war die Art, wie Boll die Auktion vermittelte – als Zusammenspiel aus Markt, Emotion und Moment.
Kunst als Dialog – Publikum wurde Teil des Geschehens
Mit jeder weiteren Position wuchs die Intensität im Saal spürbar. Was zu Beginn noch tastend begonnen hatte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer lebendigen Dynamik, die weit über eine klassische Auktion hinausging. Besonders jene Werke, die im Dialog entstanden waren, rückten dabei in den Mittelpunkt. Künstlerinnen und Künstler hatten nicht isoliert gearbeitet, sondern aufeinander reagiert, hatten Linien aufgenommen, Motive weitergedacht, Brüche zugelassen und wieder zusammengeführt. Es entstanden Serien, in denen sich Entwicklung nachvollziehen ließ – jedes Werk als Antwort auf das vorherige, jedes Bild als Teil eines größeren Zusammenhangs.
„Das nennt man wirklich Zusammenwirken“, hieß es aus dem Kreis der Beteiligten – und dieser Gedanke blieb nicht auf die Kunst beschränkt. Er übertrug sich sichtbar auf den Raum. Der Saal wurde selbst zu einem Ort des Austauschs, zu einer Bühne, auf der nicht nur Werke präsentiert, sondern Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden.

„Inspiriert von historischen Motiven“
Rund 150 Gäste hielten an diesem Abend ihre Bieterkellen in den Händen – kleine Tafeln mit Nummern, die schnell zu sichtbaren Zeichen der Beteiligung wurden. Anfangs zögerlich gehoben, später mit wachsender Selbstverständlichkeit. Jeder Impuls aus dem Publikum hatte unmittelbare Wirkung. Gebote wurden nicht nur abgegeben, sie wurden gespürt. Wer die Kelle hob, veränderte den Verlauf des Abends, verschob Grenzen, trieb Preise, setzte Zeichen.
Zwischen einzelnen Bietern entstanden leise Duelle. Blicke wanderten durch den Raum, kurze Momente des Abwägens lagen in der Luft, bevor die nächste Zahl fiel. Das Publikum wurde so vom Beobachter zum Akteur – es bestimmte Tempo, Richtung und Intensität der Auktion. Die Grenze zwischen Bühne und Saal löste sich auf.
Ein mehrteiliges Werk, das diese Idee des künstlerischen Dialogs besonders eindrücklich verkörperte, erreichte schließlich 5.000 Euro. Der Weg dorthin war geprägt von kleinen Steigerungen, von zögernden Momenten und plötzlichen Entscheidungen. Ein anderes Werk, inspiriert von historischen Motiven und mit großer gestalterischer Tiefe, startete bei 7.000 Euro – und fand ebenfalls einen Käufer, getragen von der wachsenden Bereitschaft im Saal, sich einzulassen.
Dirk Boll hielt währenddessen die Balance. Er ließ die Dynamik laufen, ohne sie zu überdrehen. Er erklärte Hintergründe, ordnete Werke ein, stellte Verbindungen her. Immer wieder schuf er Momente, in denen das Publikum nicht nur reagierte, sondern verstand, was es sah – und warum es bot. So wurde die Auktion zugleich zugänglich und anspruchsvoll.
Am Ende war es genau diese Verbindung aus künstlerischem Dialog und kollektiver Beteiligung, die den Abend prägte. Kunst entstand hier nicht nur im Atelier – sie setzte sich fort im Raum, im Austausch, im Moment des Gebots.
Zwischen Humor und Ernst
Trotz aller Professionalität blieb an diesem Abend spürbar Raum für Leichtigkeit. Dirk Boll improvisierte, streute Anekdoten ein und kommentierte das Geschehen mit feinem, oft augenzwinkerndem Humor. Es ging plötzlich um Eulen, um Schwäne, um kleine und große Eigenheiten des Kunstmarkts – Geschichten, die den Moment auflockerten, ohne ihn zu entwerten. Das Publikum nahm diese Impulse dankbar auf, lachte, entspannte sich – und bot weiter. Gerade in diesen Momenten verlor die Auktion ihre Strenge und gewann an Nähe.
Gleichzeitig blieb der künstlerische Anspruch jederzeit präsent. Hinter den Werken standen Prozesse, die weit über den Abend hinausreichten. Viele Arbeiten waren im intensiven Austausch entstanden, über Wochen hinweg gewachsen, geprägt von Dialog, Reibung und Entwicklung. Eine Arbeit wurde als „Hommage an das Bernsteinzimmer“ beschrieben – ein Verweis auf Geschichte, Verlust und kulturelles Gedächtnis. Eine andere zeigte sich als experimentelle Serie aus neun aufeinander aufbauenden Bildern, in denen jeder Schritt auf den vorherigen reagierte und ihn weiterführte.
So entstand ein Spannungsfeld, das den Abend trug: zwischen spielerischer Leichtigkeit und künstlerischer Tiefe, zwischen spontaner Reaktion und durchdachtem Prozess. Genau in dieser Verbindung lag die besondere Qualität von „Touched by Art“. Sie machte den Abend nicht nur unterhaltsam, sondern auch nachhaltig wirksam – als Erfahrung, die über den Moment hinausreichte

Ein Museum als lebendiger Ort
Am Ende wurde deutlich, dass „Touched by Art“ weit mehr war als eine Auktion. Es war ein Format, das das Reinhard Ernst Museum als offenen Ort etablierte – als Raum für Begegnung, Austausch und gemeinsames Erleben.
Die Mischung aus Musik, Kunst und Interaktion schuf eine Nähe, die über den Abend hinauswirkte. Besucher kamen miteinander ins Gespräch, Künstler wurden greifbar, Werke bekamen Gesichter und Geschichten. Kunst verlor ihre Distanz, ohne an Tiefe einzubüßen. Das Museum wurde zu dem, was es sein wollte: ein lebendiger Teil der Stadt, ein Ort, der nicht nur zeigt, sondern verbindet.
Dass diese Verbindung auch konkret messbar wurde, zeigte sich am Ende des Abends. Für die 42 versteigerten Positionen boten die rund 150 Bieter insgesamt 100.480 Euro. Eine Summe, die mehr ist als ein Ergebnis – sie ist Ausdruck der Bereitschaft, sich einzulassen, mitzugehen und Teil dieses besonderen Moments zu werden.
So blieb nicht nur ein erfolgreicher Auktionsabend in Erinnerung, sondern ein gemeinsames Erlebnis. Oder, wie es an diesem Abend sinngemäß formuliert wurde: Es ging nicht nur darum, Werke zu verkaufen. Es ging darum, etwas zu bewegen.




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