Um über aktuelle Lage und die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu beraten, sind aam Mittwoch in der Hessischen Staatskanzlei die Mitglieder des hessischen Asylkonvents zum sechsten Asylkonvent zusammen gekommen.

Aktuelle Prognosen der Bundesagentur für Arbeit gehen von rund 43.000 Menschen aus, die als anerkannte Asylbewerber in Hessen kurz- bis mittelfristig für eine Erwerbstätigkeit in Betracht kommen. Die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniere nicht von heute auf morgen, weil die meisten Flüchtlinge noch kein Deutsch sprechen und keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Die Qualifizierung der Menschen mit Bleibeperspektive sei das A und O und in diesem Bereich passiere sehr viel. Mit Sprachkursen, Qualifizierungsmaßnahmen und Praktika werden sie fit für den Beruf gemacht, sagte Ministerpräsident Volker Boufier nach dem sechssten Asylkonvent.

„Wir werden uns als Hessische Landesregierung auch in diesem Bereich weiterhin stark engagieren. Insgesamt haben wir für unseren Aktionsplan zur Integration von Flüchtlingen und Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts mehr als 1,6 Milliarden Euro im Haushalt 2017 eingestellt. Die Arbeit der Teilnehmer des Asylkonvents trägt dazu bei, dass die Räder der unterschiedlichen Institutionen ineinander greifen und die richtigen Weichen gestellt werden“ – Ministerpräsident Volker Bouffier.

Dass die Flüchtlinge zunehmend den hessischen Arbeitsmarkt erreichen und die meisten von ihnen weiter qualifiziert werden müssen, belegen die Zahlen, die Dr. Frank Martin im Konvent präsentierte. Der Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass ein Großteil der rund 43.000 zwischen 2014 und 2016 eingereisten Flüchtlinge dem Arbeitsmarkt ab Herbst zur Verfügung steht – nachdem das Asylverfahren abgeschlossen und Sprach- und Integrationskurse absolviert sind. Die Mehrheit von ihnen ist jünger als 35 Jahre und hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Zum Stichtag 30. Juni 2016 ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Asylsuchenden um 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorquartal angestiegen.

„Auch wenn der Zuzug von Flüchtlingen nach Hessen in den letzten zwei Jahren alle Beteiligten zu Höchstleistungen motiviert hat, ihnen so schnell wie möglich den Weg in die Gesellschaft zu ebnen, bleiben die Herausforderungen bestehen. Die vorhandenen Qualifikationen, beruflichen Kenntnisse sowie vorhandenen Abschlüsse signalisieren, dass weiterhin intensiv in die schulische und berufliche Bildung dieser Menschen investiert werden muss“, sagte Dr. Martin.

„Eine gute Qualifikation ist und bleibt ein entscheidender Faktor für ein existenzsicherndes Einkommen, Aufstiegschancen und bietet auch einen Schutz vor Arbeitslosigkeit.“ – Dr. Frank Martin

In den Haushaltsjahren 2016 und 2017 hat die Landesregierung in das Programm „Wirtschaft integriert“ 16,8 Millionen Euro investiert. In der Berufsorientierungsphase werden pro Jahr 1.000 Plätze für junge Männer und Frauen gefördert, die nur Grundkenntnisse der deutschen Sprache haben. Zum Programm gehören Sprachunterricht, Lern- und Integrationshilfen sowie eine sozialpädagogische Betreuung. Seit dem Start im April 2016 haben bis Ende Januar 830 Flüchtlinge daran teilgenommen. 173 von ihnen sind in eine Einstiegsqualifizierung vermittelt worden. 30 haben eine Ausbildung begonnen. „Wir haben auf dem Arbeitsmarkt die beste Situation seit 25 Jahren und sind auf qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen. Es gibt in Hessen viele Ausbildungsplätze, die mangels Bewerber nicht besetzt werden können. Viele Unternehmen bringen sich in die Flüchtlingsthematik ein und signalisieren mir, dies auch weiterhin zu tun. Niemand muss wegen der Flüchtlinge Angst um seinen Job haben“, betonte Bouffier.

„Fit für den Rechtsstaat – Fit für Hessen!“

Als Eintrittskarte in die Berufs- und Ausbildungswelt zählt mehr und mehr die Teilnahme am Programm „Fit für den Rechtsstaat – Fit für Hessen!“. In sogenannten Rechtsstaatsklassen werden den Flüchtlingen von mehr als 340 ehrenamtlichen Dozentinnen und Dozenten aus dem Justizbereich demokratische Grundwerte und die Werte- und Gesellschaftsordnung in Deutschland vermittelt. Seit dem Start im Mai 2016 haben mehr als 10.200 Flüchtlinge daran teilgenommen.

12.700 Flüchtlinge freiwillig ausgereist

Grundsätzlich hat die Zahl der Flüchtlinge, die nach Hessen kommen, stark abgenommen. Im Schnitt suchen derzeit pro Monat zwischen 1.100 und 1.300 Menschen Asyl. Um die Akzeptanz in der Bevölkerung und die Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft nicht zu gefährden, werden Menschen ohne Bleiberecht konsequent in ihre Heimatländer zurückgeführt. Seit 2015 sind 12.700 Flüchtlinge freiwillig ausgereist, knapp 4.500 Menschen wurden abgeschoben. „Es mag im Einzelfall hart sein. Aber Menschen, die kein Recht auf Asyl haben, müssen Deutschland wieder verlassen. Nur so ist es uns möglich, uns angemessen und gut um die Schutzsuchenden zu kümmern, die bei uns bleiben werden“, sagte der Regierungschef.

Ein Vorbild gelungener Integrationsarbeit, die von den Fachgruppen Ehrenamt, Integration und Gesundheit vorgestellt wurden, ist die 30-jährige Syrerin Rahma Husain. Sie absolviert in einer Frankfurter Apotheke einen sechsmonatigen Lehrgang, um in Deutschland als Pharmazeutisch-Technische Angestellte anerkannt zu werden.

„Flüchtlinge, die sich bereits im medizinischen Bereich qualifiziert haben, sind ein Gewinn für das deutsche Gesundheitswesen“, Frank Dastych, Leiter der Fachgruppe Gesundheit

Wichtig für die Integration dieser Menschen in den deutschen Gesundheitssektor seien vor allem fachliche Ansprechpartner, die bei der Anerkennung vorhandener Qualifikationen berieten und Interesse an medizinischen Berufen weckten. Dafür hat die Landesärztekammer Hessen (LÄK) das Projekt „HeFmedit“ gestartet – eine Heranführung von Flüchtlingen im jungen Erwachsenenalter an medizinische Themenfelder. Bisher haben 17 Flüchtlinge in der Carl-Oelemann-Schule in Bad Nauheim in dreitägigen Praktika einen Einblick in die Berufswelt rund um die Medizin erhalten. Das Projekt soll nun wegen des hohen Interesses ausgeweitet werden.

Vorzeige-Projekt Freiwilligenagentur Omnibus

Ein Ziel der Fachgruppe Ehrenamt ist es, Strukturen zu schaffen, die das Engagement von Freiwilligen koordinieren. „Vor allem in ländlichen Regionen, wo es weniger professionelle Angebote zur Unterstützung gibt, sind Ehrenamtliche eine wichtige Stütze. Sie helfen bei Alltagsfragen, begleiten bei Behördengängen und wirken mit bei der Integration in das dörfliche Umfeld“, sagte Fachgruppenleiter Stephan Würz. Ein Vorzeige-Projekt ist die Freiwilligenagentur Omnibus in Trägerschaft der Evangelischen Familienbildungsstätte im Kirchenkreis Eschwege. Sie koordiniert die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit im Werra-Meißner-Kreis und hat eine Struktur mit Ansprechpartnern in allen 16 Gemeinden aufgebaut. Die Maßnahmen werden aus Mitteln der Landeskirche und Projektmitteln des Hessischen Ministeriums für Soziales und  Integration finanziert.

Vorzeige-Projekt Caritaszentrum Rodgau

Ein weiteres Vorzeige-Projekt, das Caritaszentrum in Rodgau, leistet Hilfe zur Selbsthilfe in allen sozialen Bereichen. Es verfolgt dabei das Konzept der Sozialraumorientierung. Das bedeutet, dass die Menschen eines Stadtteils oder Dorfes – also in ihrem Sozialraum – gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen. Das Angebot ist für alle Bürgerinnen und Bürger offen, nicht nur für Flüchtlinge. „Wir fördern das Miteinander der Menschen und damit auch die Integration“, betonte der Vorsitzende der Fachgruppe Integration, Staatssekretär Jo Dreiseitel. „Über den Kontakt wecken wir Verständnis für die jeweilige Situation des Anderen und stoßen die Unterstützung durch das Umfeld an“, sagte Dreiseitel.

Hintergrund

Der Asylkonvent hat sich am 14. Oktober 2015 konstituiert. Ihm gehören mehr als 50 Spitzenvertreter aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen an. In insgesamt sieben Fachgruppen erarbeiten die Beteiligten Maßnahmen für die zentralen Themenfelder Bildung, Arbeitsmarkt, Sicherheit, Wohnen, Gesundheit, Ehrenamt und Integration. Die Facharbeitsgruppen ziehen bei Bedarf weitere Experten und Engagierte hinzu und erhalten fachliche Unterstützung durch Mitarbeiter des Landes.

Folgende Institutionen sind beteiligt: Kommunale Spitzenverbände, Regierungspräsidien, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, Religionsgemeinschaften, Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), Flüchtlingsrat, Ärztekammer, Bundeswehr, Bundesanstalt für Arbeit, Liga der freien Wohlfahrtspflege, Ausländerbeirat, Flüchtlingsrat, Vertreter unbegleiteter Flüchtlinge, Rettungsorganisationen, Technisches Hilfswerk, Feuerwehrverband, Landespolizeipräsidium, Landesehrenamtsagentur, Sportbund Hessen, Vertriebenenvertreter, Wohnungswirtschaft, u.v.m.

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