Erika und Wolfgang Essig zeigen, wie Alltag, Humor und Freiraum eine Beziehung über Jahrzehnte tragen.
Es ist ein Satz, der hängen bleibt: „Wir würden wieder heiraten.“ Erika Essig sagt ihn ruhig, fast beiläufig. Und doch trägt er das Gewicht von 65 gemeinsamen Jahren. In Wiesbaden-Biebrich feiert sie und ihr Mann Wolfgang heute, am 14. April, ihre Eiserne Hochzeit – ein Jubiläum, das weniger von großen Worten lebt als von gelebtem Alltag.
Auch die Stadt lässt diesen besonderen Moment nicht unbemerkt verstreichen: Stadträtin Gaby Wolf überbringt persönlich die Glückwünsche von Ministerpräsident Boris Rhein und Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und würdigt das seltene Jubiläum der Eisernen Hochzeit.
Kindheit in Biebrich – ein Anfang ohne Plan
Ihre Geschichte beginnt nicht romantisch, sondern ganz schlicht: auf der Straße. „Wir haben hier gespielt und gehickelt“, erinnert sich Erika. Seilspringen, Räuber und Gendarm, Nachmittage ohne Uhr. Wolfgang wohnt um die Ecke. Man kennt sich, man läuft sich über den Weg – mehr nicht.
Dann kommt der Krieg. Bomben zerstören Häuser, Familien müssen gehen. „Da mussten wir raus, sind zu Verwandten“, erzählt Wolfgang. Doch sie bleiben im Viertel. „Seit 1945 hier in der Ecke“, sagt er – ein Satz, der wie ein Lebensmotto klingt.
Vespa-Fahrten und ein leiser Wendepunkt
Erst Jahre später verändert sich etwas. Gemeinsame Ausflüge, oft auf der Vespa, führen sie durch den Taunus. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Erika. Mehr braucht es nicht. Die Nähe wächst langsam. „Damals hat man sich ganz anders kennengelernt“, sagt Wolfgang. Kein Tempo, keine Abkürzungen. Und dann dieser eine Satz: „Ein halbes Jahr später war sie schwanger.“ Erika ist 17, Wolfgang 19. Sie heiraten. Viele zweifeln. „Alle haben gesagt, das geht nicht“, erinnert sich Erika. Sie bleibt. „Ich war hartnäckig,“ – und herzlich. Gemeinsam ziehen sie zwei Kinder groß und legen damit den Grundstein für eine große Familie, die weiter wächst.
Ein Leben ohne großen Plan – aber mit Beständigkeit
Was folgt, ist kein außergewöhnliches Leben. Wolfgang macht erst eine Ausbildung als Schreiber, später eine zweite Ausbildung als Raumausstatter und arbeitet 44 Jahre in seinem Beruf. „Ich bin geblieben“ sagt er. Erika kümmert sich um Familie und Haushalt, später, als die Kinder aus dem Haus sind, arbeitet sie in Heimarbeit fürs Ministerium. „Wir wussten, dass ich wenig Rente bekomme – aber es war wichtig für die Familie.“ In den 60er Jahren ziehen sie um, in Wolfgangs Elternhaus. Die Eltern leben unten, Erika und Wolfgang oben. Sie bauen um, bleiben – schaffen sich Platz, an dem sich alle wohlfühlen. Jahrzehnte vergehen, ohne dass sie den Ort verlassen. „Wir waren nie so lauffreudig“, sagt Erika und lacht.
Kleine Auszeiten und große Nähe
Wenn sie von Urlaub erzählen, dann nicht von Fernreisen oder großen Plänen. Es sind die kleinen Fahrten, die bleiben. „Wir sind gerne in der Gegend geblieben“, erzählt Wolfgang. Der Taunus, der Rhein, kurze Ausflüge ins Grüne – das reicht. Alle zwei Jahre fuhren sie auch mal in die Alpen. Gerne nach Ischgl oder ins Salzburger Land. Seen und Berge – Wasser überhaupt – haben es Wolfgang angetan. Im Untergeschoss seines Elternhauses hat sich der 86-Jährige über die Jahre einen Rückzugsort geschaffen. Dort wo sie als junge Männer einst Autos auf einer Grube an Autos rumgeschraubt haben, ist sein Rückzugsort voller Erinnerungen. Fotos erinnern an die Zeit im Vogelzuchtverein, wo Wolfgang Wellensittiche züchtete. Und die sortierten Modelle zeigen, dass der Schreiner auch kleinteilig sehr geschickt im Modellbau war.
In den Ferien konnte es spontan auch mal für ein paar Tage weg gehen. Ohne großem Programm, ohne Stress. „Hauptsache zusammen“, sagt Erika. Auch das gehört zu ihrem Rhythmus: nicht weit weg müssen, um sich nah zu sein.
Der Garten als Mittelpunkt
Heute spielt sich vieles im Garten ab. Ein Ort, der mehr ist als nur Grünfläche. „Hier trifft sich alles“, sagt ein Familienmitglied. Kinder, Enkel, Urenkel – sieben sind es inzwischen. Wolfgang kümmert sich um die Beete, hält Ordnung, gießt, schaut nach dem Rechten. Erika sitzt gern dabei, beobachtet, redet, lacht. Es ist ein ruhiges Miteinander.

Die Tür steht immer offen. „Wenn jemand Hunger hat, ist er schneller hier“, sagt Wolfgang. Und Erika ergänzt: „Bei Oma gibt es immer was Süßes.“
Kein Patentrezept – aber eine klare Haltung
Was hält 65 Jahre zusammen? Erika winkt ab. „Ein Patentrezept gibt es nicht.“ Und wird dann doch konkret: „Man muss sich freuen, wenn der andere nach Hause kommt.“ Und: „Der Freiraum ist das goldene Rezept.“
Auch Humor gehört dazu. „Am Anfang war ich manchmal sauer“, sagt sie. „Heute denke ich: Was soll’s.“ Wolfgang bringt es auf den Punkt: „Dann vertragen wir uns wieder.“
Foto ©2026 Volker Watschounek
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