Panne stoppt den Fastnachtssonntagsumzug nach wenigen Metern. Tausende Narren trotzen Kälte und warten, bis es weitergeht. Helau bleibt stärker.
Um 12.11 Uhr setzt sich der Fastnachtssonntagsumzug in Bewegung. Trommler schlagen den Takt, Garden marschieren, Konfetti fliegt. 178 Zugnummern mit rund 5000 Aktiven wollen die Innenstadt erobern. Doch nach kaum 300 Metern steht der närrische Lindwurm. Was folgt, ist Improvisation auf Wiesbadener Art.
Die Strecke ist noch nicht freigegeben. Eine mobile Zufahrtssperre lässt sich nicht arretieren. Techniker eilen herbei, beraten, prüfen, justieren. Währenddessen stehen die Fastnachter auf der Wilhelmstraße und wärmen sich mit Witzen. „Das ist der kürzeste Umzug, den Wiesbaden je gesehen hat“, ruft jemand. Eine kleine Polonaise schlängelt sich über den Asphalt. Man nimmt es sportlich – so gut es geht.
77 Jahre närrische Tradition
Rund 30 Minuten dauert die Unterbrechung, gefühlt eine halbe Ewigkeit. Die Temperaturen kratzen am Gefrierpunkt, der Wind pfeift zwischen den Fassaden. Wer keinen dicken Mantel trägt, stampft mit den Füßen. Eltern wickeln Kinder enger in Decken, Garden hüpfen auf der Stelle.
Im 77. Jahr zieht der Fastnachtssonntagsumzug durch die Landeshauptstadt. Das Motto lautet folgerichtig: 77 Jahre Fastnachtssonntagzug. Seit Jahrzehnten schlängelt sich der Zug durch die Innenstadt, und seit drei Jahren auf der verkürzten 4,2 Kilometer langen Route. Er startet an der Kreuzung Wilhelmstraße/Rheinstraße, führt über Taunusstraße, Georg-August-Zinn-Straße, Kranzplatz, Langgasse, Webergasse, An den Quellen, Schlossplatz, Marktstraße, Friedrichstraße, Schwalbacher Straße, Bleichstraße, Bismarckring, Kaiser-Friedrich-Ring, Rheinstraße – und endet an der Friedrich-Ebert-Allee, eben dort, w er sich seit drei Jahren aufstellt.
Es ist kalt, aber trocken. Hunderttausende Narren säumen die Straßen, jubeln mit dreifach donnerndem Helau, strecken die Hände nach Kamelle aus. Bonbons, Schokolade, Chips, Pralinen, Gummibärchen regnen auf das Fußvolk. Kinder lachen, Erwachsene sammeln eifrig. Immer wieder gibt es auch kleine Fläschchen: Piccolos.
Politik fährt mit
Die Fastnacht bleibt dabei nicht unpolitisch. Vier kleine Motivwagen greifen Themen auf, die die Stadt bewegen. Der Wagen von Lotto Hessen nimmt die Debatte um die Wehrpflicht aufs Korn. Das Los trifft niemand anderen als Simon Rottloff, der gleich als Konfettikanonier rekrutiert wird. Symbolisch. Ein anderer karikiert Wiesbaden als Baustellenstadt. Ein dritter spielt mit Fragen politischer Korrektheit. Der vierte kommentiert das Zeitgeschehen mit spitzer Zunge.
Das Publikum reagiert mit Applaus, Gelächter, gelegentlich mit Kopfschütteln. Fastnacht darf zuspitzen, überzeichnen, reizen. Sie hält der Politik den Spiegel vor – und tut das mit Humor.
Weniger dicht am Rand
Auffällig wirkt in diesem Jahr die Publikumsdichte. Entlang der Rheinstraße, besonders gegen Ende, steht fast niemand mehr. Die Kälte könnte manchen abgehalten haben. Vielleicht wirkt auch die wirtschaftliche Lage nach. Doch wer kommt, feiert intensiv.
Kleine Änderung am Zugende. Wo traditionell die Ente rollte, zog diesmal die „Gans am End“ – früher hieß sie „Zugen(d)te“. Verantwortlich ist ein Protest der Mainzer Narren, die sich die Schreibweise markenrechtlich haben schützen lassen. Wiesbaden reagierte, und so trägt sie nun den neuen Namen. Die Gans markiert das Finale, schließt den Kreis und verabschiedet den Zug.
Als der letzte Wagen die Friedrich-Ebert-Allee erreicht, haben sich Wartezeit und Kälte relativiert. Der Fastnachtssonntagsumzug hat sich nicht beirren lassen. Er hat gestoppt, gewartet, weitergezogen.
Und Wiesbaden ruft noch einmal: Helau.
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Foto ©2026 Volker Watschounek
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