Die KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ erzählt die Geschichte eines vergessenen Ortes eindringlich neu.
Die Landeshauptstadt schaut hin. Sie öffnet einen Ort neu, der eigentlich immer im Schatten lag, und zwingt sich damit selbst zur Auseinandersetzung. Mit der Wiedereröffnung der KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ am 16. Mai setzt Wiesbaden ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen. Es ist kein lauter Akt, kein pathetisches Bekenntnis. Es ist ein leiser, aber konsequenter Schritt: hinsehen, erzählen, erinnern.
Ein Ort, der lange im Verborgenen lag
Was heute wie ein ruhiges Waldareal wirkt, trägt eine Geschichte, die nicht jeder kennt – aber kennen sollte. Zwischen März 1944 und März 1945 existierte auf dem ehemaligen Reit- und Turnierplatz „Unter den Eichen“ ein Außenlager des SS-Sonderlager Hinzert. Die SS verlagerte ihre Dienststellen aus der bombardierten Innenstadt an den Stadtrand. „Für den Bau dieser Ausweichstellen forderte die SS Häftlinge aus dem Konzentrationslager im Hunsrück an“, erklärt die Leiterin des Sachgebiets Gedenkstätten und Stadtgeschichte im Stadtarchiv, Dr. Katherine Lukat.
„Viele wussten gar nicht, was hier war“
„Ich bin hier bestimmt hundertmal vorbeigelaufen“, sagt eine Spaziergängerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Aber ehrlich gesagt: Ich wusste lange nicht, was hier eigentlich passiert ist.“ Genau das soll sich ändern. Zwischen Bäumen und Wegen stehen jetzt große Tafeln. Sie ziehen Blicke an. Sie halten Menschen an. Sie erzählen von einem Außenlager des KZ Hinzert, das hier von 1944 bis 1945 existierte.
57 Männer kamen im März 1944 an. Später waren es rund 100. Viele von ihnen stammten aus Luxemburg. Sie hatten sich dem NS-Regime widersetzt – und wurden dafür verschleppt.
„Das sind keine Zahlen, das sind Menschen“
Dr. Katherine Lukat vom Stadtarchiv Wiesbaden hat jahrelang zu diesem Ort geforscht. Wenn sie spricht, wird schnell klar: Es geht ihr nicht um Daten, sondern um Schicksale. „Das sind keine Zahlen, das sind Menschen“, sagt sie. „Jeder einzelne hatte eine Geschichte, eine Familie, ein Leben vor der Haft.“ Und diese Geschichten rücken jetzt in den Mittelpunkt. Die Ausstellung zeigt, wer diese Männer waren – und was sie in Wiesbaden erleiden mussten. Sie räumten Trümmer, arbeiteten in Betrieben, renovierten Wohnungen für SS-Funktionäre. Auch für Jürgen Stroop.
Stroop, eine Schlüsselfigur bei der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943. Er war zu dieser Zeit Höherer SS- und Polizeiführer Rhein/Westmark mit Dienstsitz in Wiesbaden
Ein Bunker, der Fragen stellt
Der Bunker steht noch immer. Grau, massiv, unscheinbar. Wer davorsteht, spürt sofort: Hier geht es nicht um Vergangenheit allein. „Die Häftlinge haben diesen Bunker gebaut – aber sie durften ihn nicht nutzen“, erklärt Lukat. „Als Bomben fielen, blieb ihnen der Zugang verwehrt.“ Sechs luxemburgische Gefangene starben am 18. Dezember 1944. Die SS hielt sie mit Waffengewalt fern. „Das ist ein Moment, der viele Besucher tief trifft“, sagt ein Mitarbeiter der Gedenkstätte. „Man merkt, wie still es plötzlich wird.“
Die Aufsicht im KZ-Außenlager wurde von Polizeireservisten, die zu alt für den Kriegsdienst waren, übernommen. „Intensive Recherchen ermöglichten die Rekonstruktion der Biografie eines der Aufseher. Sie zeigt exemplarisch, wie die Männer auf ihren Dienst im KZ vorbereitet wurden und welche juristischen Folgen der Dienst im Außenlager 1945 hatte,“ erläutert Lukat.
Nur der Betonbunker überdauerte die Zeit. Die SS-Baracken auf dem Turnierplatz verschwanden unmittelbar nach Kriegsende. Das Lager selbst wurde am 26. März 1945 aufgelöst und die verbliebenen Häftlinge nach Frankfurt am Main verlegt. Einigen gelang die Flucht. Sie versteckten sich in der nahen Umgebung des Lagergeländes und warteten auf die Ankunft der US-Armee.
Erinnerung, die nach draußen geht
Lange blieb das KZ-Außenlager in Wiesbaden vergessen. Erst Ende der 1970er Jahre mehrten sich Stimmen, die die Einrichtung eines dauerhaften Mahnmals forderten. Am 9. November 1991 eröffnete der damalige Oberbürgermeister Achim Exner die erste Dauerausstellung im Bunker „Unter den Eichen“. Mit der Einrichtung der Ausstellung widmete der Magistrat den Bunker als Gedenkstätte. Nach 35 Jahren wird diese Ausstellung in einer Neugestaltung weiterentwickelt und um neue Erkenntnisse der historischen Forschung über Einzelschicksale erweitert.
Früher spielte sich das Gedenken vor allem im Inneren des Bunkers ab. Wer nichts wusste, ging vorbei. Heute funktioniert das anders. „Wir wollten die Gedenkstätte sichtbar machen“, sagt Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl. „Erinnerung darf kein versteckter Ort sein.“ Die neuen Tafeln im Außenbereich holen die Geschichte dorthin, wo Menschen unterwegs sind. Jogger, Spaziergänger, Familien – sie alle begegnen jetzt der Vergangenheit, oft ganz unvermittelt.
Ein Vater bleibt mit seinem Sohn stehen. „Papa, was ist das hier?“, fragt der Junge. Der Vater zögert kurz. Dann beginnt er zu erklären.
Forschung, die Gesichter zeigt
Seit 2021 hat das Stadtarchiv intensiv recherchiert. Leiter Dr. Peter Quadflieg beschreibt die Arbeit als detektivisch. „Wir haben versucht, Biografien zu rekonstruieren. Wir wollten verstehen, wer diese Männer waren.“ Besonders die Geschichte der Luxemburger Häftlinge rückt jetzt in den Fokus. Viele von ihnen hatten sich geweigert, für das NS-Regime zu kämpfen. Ihr Widerstand machte sie zu Verfolgten. „Diese Perspektive fehlte lange“, sagt Quadflieg. „Jetzt bekommt sie Raum.“
Auch die Täter werden nicht länger ausgeblendet. Die Ausstellung zeigt, wer das Lager bewachte und wie diese Männer nach 1945 zur Verantwortung gezogen wurden.
„Erinnerung gehört in den Alltag“
Die Ausstellung spricht mehrere Sprachen. Deutsch, Englisch, Französisch. Sie richtet sich auch an die Nachkommen der Opfer. „Wir hatten Kontakt zu Familien in Luxemburg“, sagt Schmehl. „Für sie ist dieser Ort ein Stück Geschichte ihrer eigenen Familie.“ Doch die Gedenkstätte richtet sich nicht nur nach außen. Sie richtet sich vor allem an die Stadt selbst.
„Erinnerung gehört in den Alltag“, sagt eine Besucherin beim Probedurchgang. „Nicht nur an Gedenktagen.“
Ein leiser Ort, der laut wird
Am 16. Mai öffnet die Gedenkstätte wieder regulär. Samstags, zwei Stunden lang. Kein großes Spektakel, kein Event. Und doch passiert hier etwas. Menschen bleiben stehen. Sie lesen. Sie fragen. Sie kommen ins Gespräch. Der Wald rauscht weiter. Die Wege bleiben die gleichen. Aber der Blick verändert sich. Wiesbaden schaut hin. Und plötzlich sehen es auch die anderen.
Geführte Rundgänge für Gruppen können auch zu anderen Zeiten und Wochentagen angefragt werden. Hierzu wenden sich Interessierte direkt per E-Mail an das Stadtarchiv: stadtarchiv@wiesbaden.de stadtarchiv@wiesbaden.de
Foto – Gedenkstätte Unter den Eichen“ ©2026 Volker Watschounek
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Mehr Informationen zur Gedenkstätte „Unter den Eichen“.



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