Wiesbaden will sein Nachtleben wissenschaftlich untersuchen lassen. Dabei geht es um Geld, junge Menschen, Kultur und Lebensqualität.
Wer abends durch Wiesbaden zieht, erlebt eine Stadt mit zwei Gesichtern. Rund um das Bermudadreieck füllen sich Bars und Kneipen, Restaurants bleiben lange besetzt, am Schlachthof beginnen Konzerte und Partys. Kioske werden zu Treffpunkten, Kulturorte verlängern den Tag bis weit in die Nacht. Gleichzeitig begleitet Wiesbaden seit Jahren die Frage, ob einer Landeshauptstadt mit fast 300.000 Einwohnern nicht etwas fehlt: mehr Clubs, mehr Angebote für Studierende und junge Erwachsene, mehr Nachtleben.
Nun soll aus diesem Gefühl eine belastbare Bestandsaufnahme werden.
CDU, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und Volt wollen eine wissenschaftliche Studie zur Wiesbadener Nachtökonomie auf den Weg bringen. Laut Antrag 26-F-28-0036 in der Stadtverordnetenversammlung, soll der Magistrat soll siediese beauftragen und dafür Geld im Haushalt 2027 einplanen. Untersucht werden sollen nicht nur Clubs. Der Antrag fasst den Begriff bewusst weiter: Restaurants, Bars, Kneipen, Kultur- und Veranstaltungsorte, soziokulturelle Zentren, Kioske und andere Angebote, die dann aktiv werden, wenn anderswo längst Feierabend ist.
Die zentrale Frage lautet: Was ist das Wiesbadener Nachtleben wirtschaftlich und gesellschaftlich tatsächlich wert?
Nachtleben ist mehr als Party
Hinter dem Antrag steckt ein veränderter Blick auf die Nacht. Sie gilt nicht mehr allein als Zeitraum für Freizeit, Alkohol und laute Musik. Stadtforscher betrachten die Nachtökonomie inzwischen als Teil der Stadtentwicklung. Dafür gibt es handfeste Zahlen.
Stuttgart ließ sein Nachtleben bereits vermessen. Rund 9,5 Millionen Besuche in Bars, Kneipen, Clubs und Diskotheken ermittelte die dortige Untersuchung pro Jahr. Die direkte und indirekte Wertschöpfung wurde auf 148 Millionen Euro beziffert. Bemerkenswert ist auch die Herkunft des Publikums: Jeder dritte Gast kommt von außerhalb Stuttgarts. Befragt wurden rund 70 Unternehmen und 692 Gäste.
Noch größere Dimensionen zeigt die 2025 veröffentlichte Frankfurter Untersuchung. Sie beziffert den Bruttoumsatz der Nachtökonomie auf rund 432 Millionen Euro, die Wertschöpfung auf 211 Millionen Euro und spricht von etwa 5.500 Einkommensäquivalenten. 85 Prozent der Befragten bewerteten das Nachtleben als wichtigen Imageträger, 69 Prozent sahen darin einen wesentlichen Beitrag zur Lebensqualität.
Solche Zahlen gibt es für Wiesbaden bislang nicht.
Gerade junge Menschen schauen auf die Stadt nach 20 Uhr
Für Wiesbaden könnte dabei eine Gruppe besonders interessant werden: Studierende und junge Erwachsene. Denn für sie entscheidet sich die Attraktivität einer Stadt nicht nur morgens im Hörsaal, mittags am Arbeitsplatz oder nachmittags im Einkaufszentrum. Wie eine Stadt nach 20 oder 22 Uhr funktioniert, gehört ebenfalls zum urbanen Alltag.
Allein die Hochschule RheinMain zählte im Sommersemester 2026 insgesamt 12.320 Studierende. Rund 10.040 davon studierten am Standort Wiesbaden. Damit lebt und studiert eine beträchtliche Gruppe junger Menschen in der Stadt, für die bezahlbare Treffpunkte, Kultur, Gastronomie und Veranstaltungen eine besondere Rolle spielen.
Dass dies keine bloße Vermutung ist, zeigt ausgerechnet eine Untersuchung der Stadt selbst.
Bei der Wiesbadener Studierendenbefragung 2024 entfielen 451 Verbesserungsvorschläge auf den Themenkomplex „Ausgehen, Studentenleben“. Das waren 43,1 Prozent aller genannten Verbesserungsvorschläge. 155 Nennungen verlangten mehr attraktivere Bars und Clubs, 120 mehr studentisches Leben, Atmosphäre und Veranstaltungen für Studierende und junge Menschen. Weitere Antworten drehten sich um bezahlbare Angebote und Möglichkeiten, Gleichaltrige kennenzulernen.
Damit bekommt die politische Debatte eine bemerkenswerte Grundlage: Das Nachtleben ist für einen Teil der jungen Bevölkerung offenbar keine Nebensache.
Eine Wiesbadener Untersuchung zu Wanderungsmotiven liefert sogar einzelne Hinweise darauf, dass das Thema über einen netten Samstagabend hinausreichen kann. In offenen Antworten wurde mangelndes Freizeitangebot für Studierende beziehungsweise das geringe Angebot an Clubs, Bars und Kultur für junge Erwachsene ausdrücklich als Wegzugsgrund genannt. Solche Einzelantworten erlauben keine Verallgemeinerung, zeigen aber, welche Faktoren bei der Entscheidung für oder gegen eine Stadt eine Rolle spielen können.
Was passiert zwischen Bar, Kiosk und Konzertsaal?
Genau hier soll die geplante Studie tiefer bohren. Sie soll untersuchen, wie viele Arbeitsplätze am Wiesbadener Nachtleben hängen, welche Umsätze entstehen und welche weiteren Branchen davon profitieren. Denn eine Nacht endet wirtschaftlich nicht an der Ausgangstür eines Clubs. Gäste fahren Bus oder Taxi, essen vorher im Restaurant, holen sich später noch etwas am Kiosk oder übernachten im Hotel. Beschäftigt werden Servicekräfte, Musiker, DJs, Techniker, Sicherheitsdienste, Reinigungskräfte und zahlreiche weitere Dienstleister.
Gleichzeitig wollen die Antragsteller die gesellschaftliche Seite untersuchen lassen. Welche Orte ermöglichen Begegnungen? Wo funktioniert Integration? Welche Bedeutung haben Kulturorte für unterschiedliche Milieus? Und können belebte Straßen tatsächlich dazu beitragen, dass Menschen sich nachts sicherer fühlen?
Auch Konflikte sollen ausdrücklich Teil der Untersuchung sein. Denn wo Menschen feiern, wohnen andere. Lärm, Verkehr, Müll, Sicherheit und unterschiedliche Vorstellungen davon, wem öffentlicher Raum nachts gehört, lassen sich nicht aus einer Nachtökonomie-Studie herausdefinieren. Deshalb sollen neben Gastronomie, Kultur- und Kreativwirtschaft und Tourismus auch Hochschulen, Sicherheitsbehörden, Stadtgesellschaft und Anwohner beteiligt werden.
Ohne Bus keine lange Nacht
Ein weiterer Punkt dürfte für Wiesbaden besonders spannend werden: die Mobilität. Die Studie soll untersuchen, wie gut Menschen nachts überhaupt zu den Angeboten und anschließend wieder nach Hause kommen. Damit geraten Busverbindungen, Taktzeiten und die Erreichbarkeit verschiedener Stadtteile in den Blick.
Stuttgart zählt die Stärkung des Nacht-ÖPNV bereits ausdrücklich zu den Handlungsempfehlungen seiner Nachtökonomie-Studie. Dort gehören daneben die Sicherung von Club-, Bar- und Kneipenkultur, Inklusion, Awareness, Gesundheitsprävention und eine stärkere Verbindung von Nachtökonomie und Stadtteilen zu den formulierten Zielen.
Wiesbaden will zunächst wissen, wo es selbst steht.
Eine Stadt schaut auf die Zeit nach Feierabend
Die geplante Untersuchung könnte deshalb mehr werden als eine Inventarliste von Kneipen, Clubs und Veranstaltungsorten. Sie soll Angebotslücken sichtbar machen, die räumliche Verteilung des Nachtlebens untersuchen und herausfinden, welche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen.
Das betrifft auch die Konkurrenz im Rhein-Main-Gebiet. Frankfurt liegt nur eine kurze Zugfahrt entfernt und kann jungen Erwachsenen, Studierenden und Gästen ein erheblich größeres nächtliches Angebot bieten. Dass Frankfurt mit seiner Nachtökonomie hunderte Millionen Euro Umsatz erzielt, zeigt zugleich, dass es bei dieser Konkurrenz nicht allein um Lebensgefühl geht.
Wiesbaden besitzt eine andere Struktur. Die Clublandschaft ist überschaubarer, dafür prägen Gastronomie, Bars, Kulturorte und soziokulturelle Einrichtungen die Nacht stärker. Genau diese Besonderheit soll die Untersuchung berücksichtigen.
Am Ende soll deshalb nicht die Frage stehen, ob Wiesbaden Frankfurt oder Berlin nacheifern muss.
Interessanter ist eine andere: Welche Nacht passt zu Wiesbaden – und was muss die Stadt tun, damit junge Menschen, Kulturschaffende, Gastronomen, Gäste und Anwohner mit ihr leben können?
Bislang wird darüber vor allem diskutiert, und das sicher auch in der Stadtverordnetenversaammlung am 30. September. Die geplante Studie soll erstmals Zahlen liefern.
Archivfoto – Park Cafe ©2017 Volker Watschounek
Weitere Nachrichten aus dem Stadtteil Mitte lesen Sie hier.
Weitere Informationen zum Stadtverordnetenversammlung finden Sie unter www.wiesbaden.de.



„Bevor ich sterbe, lebe ich“: Advena zeigt Hospizarbeit
Was ist los in Wiesbaden? Von Science Slam bis Spitzenvolleyball
Flohmarkt in Wiesbaden – suchen und finden
Erstes Heimspiel! VCW empfängt Aachen zum Heimauftakt
Schrauben, löten, plaudern: Repair Café im Umweltladen
Kunst, Kürbis und Gespräche im Kunsthaus Wiesbaden 