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Kirchenreulchen, Ort der Drogenszene in der Innenstadt.

Wiesbaden ringt um den richtigen Umgang mit der Drogenszene

Wiesbaden streitet über die Drogenszene in der Innenstadt: Zwischen Kirchenreulchen und Luisenplatz prallen politische Weltbilder aufeinander. Die einen fordern mehr Kontrolle und sichtbare Präsenz, die anderen plädieren für Prävention und Hilfe. Beide Seiten beanspruchen Sicherheit – meinen aber Verschiedenes.

Volker Watschounek 2 Monaten vor 0

Im Streit um Wiesbadens Drogenszene ringt Politik die um Lösungen: Kontrolle gegen Prävention, Ordnung gegen Hilfe – konfliktbehaftet.

Das Kirchenreulchen, dieser schmale Durchgang zwischen Kirchgasse und Luisenplatz, galt lange als kaum beachtete Verbindung zwischen Fußgängerzone und Haltestelle. In diesen Wochen jedoch steht genau diese Gasse im Mittelpunkt einer Debatte, die weit über ihren räumlichen Maßstab hinausreicht. Anwohner klagen über offenen Drogenkonsum, Händler über sinkende Kundenfrequenzen, Passanten über ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit. Damit wird ein Ort zum Symbol einer Frage, die Wiesbaden zunehmend beschäftigt: Wie verteidigt eine Stadt ihre öffentlichen Räume, ohne die Menschen aus dem Blick zu verlieren, die dort leben, konsumieren, handeln – oder schlicht keinen anderen Ort haben?

Der Ruf nach sichtbarer Ordnung

Christian Diers (FDP) zeichnet im Stadtparlament ein drastisches Bild. Wenn Geschäftsleute private Sicherheitsdienste beauftragen, verliere der Staat eine Aufgabe, die eigentlich ihm zufalle. Für ihn zeigt das Kirchenreulchen, wie schnell Räume kippen, wenn Stadt und Land nicht konsequent präsent sei.
Der gemeinsame Antrag von CDU und FDP folgt dieser Argumentation. Er fordert eine deutlich sichtbare Erhöhung der Polizeipräsenz, einen stärkeren Kontrolldruck gegen Dealer und eine bessere Ausleuchtung. Nur so könne die Stadt verhindern, dass sich rechtsfreie Zonen etablierten.

Louise-Lydia Wagenbach (CDU) spricht von einem wachsenden Vertrauensverlust der Bürger und verweist auf die Schließung des Traditionsgeschäfts Listmann, die sie als Symptom einer breiteren Entwicklung deutet. Ihr Appell wirkt klar: „Wiesbaden darf keinen einzigen öffentlichen Raum aufgeben.“

Ursachen verstehen, nicht verschieben

Die Kooperation aus SPD, Grünen, Linken und Volt widerspricht dieser Analyse – nicht in der Beschreibung der Lage, aber im Lösungsweg. Ingo von Seemen (Linke) rückt die Ursachen von Sucht in den Mittelpunkt. Er beschreibt Menschen, die Gewalt, Armut oder psychische Belastungen erlebt haben, bevor sie im Kirchenreulchen auffällig wurden. Repression verschiebe die Szene lediglich von einer Ecke zur nächsten: erst von der Rheinstraße zum Luisenplatz, nun in die Gasse.
Für Ingo von Seemen gehört Prävention genauso dazu wie aufsuchende Sozialarbeit, niedrigschwellige Hilfen, medizinische Unterstützung und sichere Konsumorte. Nur wenn Menschen erreichbar seien, könne ihnen nachhaltig geholfen werden. Daniel Winter (Linke) kritisiert zudem die politische Dramatisierung der Lage. Es gebe seit Jahrzehnten Orte in Wiesbaden, an denen sich Szenen bildeten; Unsicherheit entstehe oft durch den politischen Tonfall, nicht allein durch die Realität auf der Straße.

Magistrat und Polizei: Kontrolle nötig – aber sie reicht nicht

Aus dem Magistrat kommen klare, aber differenzierte Einschätzungen. Gesundheitsdezernentin Milena Löpke macht deutlich, dass die Stadt ihre Ausgaben für Suchthilfe in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt hat. Trotzdem erreiche die Hilfe viele Betroffene kaum. Streetworker seien nur zwei Stunden pro Woche im Kirchenreulchen unterwegs – viel zu wenig, um Vertrauen aufzubauen oder Menschen in Hilfen zu begleiten.
Stadtrat Andreas Kowol (Grüne) schildert die Lage aus Sicht der Stadtpolizei. Intensivere Kontrollen führten zwar kurzfristig zu Entlastungen, doch die Szene wandere entlang der Drucklinien weiter. Als die städtische WIBau die Tiefgarage am Luisenplatz übernahm, stieß sie auf eine Mischung aus Konsumenten, Dealern und Obdachlosen. Erst mit Sicherheitsdienst und besserer Auslastung änderte sich das Bild – die Szene verlagerte sich jedoch an die Oberfläche.

Die zentrale Erkenntnis: Kontrolle wirkt, aber niemals dauerhaft allein.

Eine Debatte, die bleibt – und eine Stadt, die Antworten sucht

Die Debatte zeigt, wie tief der Konflikt reicht und wie weit er über das Kirchenreulchen hinausweist. Es geht um das Verhältnis zwischen Staat und Straße, zwischen öffentlicher Ordnung und sozialer Verantwortung. Beide Seiten wollen eine Innenstadt, in der Menschen sich ohne Angst bewegen können. Doch sie unterscheiden sich in der Frage, wie diese Freiheit erreicht wird – durch mehr Ordnung oder durch mehr Hilfe, durch Kontrolle oder durch Zugang.

Am Ende bleibt das Kirchenreulchen ein Ort, der eine größere Frage stellt: Wie viel Durchsetzungskraft braucht eine Stadt – und wie viel Geduld, um Menschen zu erreichen, bevor sie auf einem Bordstein sitzen, an dem niemand mehr vorbeigehen möchte?

Foto – Kirchenreulchen, Ort der Drogenszene in der Innenstadt. ©2025 AI / Wiesbaden lebt!

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