Wie viel Wirtschaftskraft steckt in Wiesbadens Nachtleben? Das Stadtparlament hat becshlossen, dass Eine Studie Umsätze, Arbeitsplätze und fehlende Angebote untersuchen soll.
Wenn die Geschäfte schließen und in den Büros die Lichter ausgehen, beginnt ein Teil der Stadt, über den die Politik bislang erstaunlich wenig weiß. Restaurants füllen sich, Bars schenken aus, Konzerte beginnen, Kioske verkaufen bis spät in die Nacht. Menschen arbeiten, konsumieren und begegnen sich – während manche zum Ausgehen lieber nach Mainz oder Frankfurt fahren.
Wie groß die wirtschaftliche, soziale und stadtentwicklungspolitische Bedeutung dieses Nachtlebens ist, soll nun eine Studie klären. Die Stadtverordnetenversammlung nahm den entsprechenden Antrag am Mittwochabend mehrheitlich an. Die SPD enthielt sich, Linke und AfD stimmten dagegen. Damit erhält eine Frage politisches Gewicht, die weit über die Zahl der Clubs hinausgeht: Was passiert in Wiesbaden eigentlich nach 20 Uhr?
CDU sieht wirtschaftliches Potenzial
CDU-Stadtverordneter Dr. Völker stellte in der Debatte vor allem die wirtschaftliche Bedeutung der Nachtökonomie heraus. Ihre Wirkung ende nicht an der Tür eines Restaurants oder Clubs. Auch Hotels, Handel und weitere Branchen könnten profitieren, wenn Menschen für einen Abend nach Wiesbaden kämen.
Wer ausgehe, gebe womöglich zusätzlich Geld für eine Übernachtung, einen Restaurantbesuch oder einen Einkauf am nächsten Morgen aus. Um solche Zusammenhänge bewerten zu können, brauche Wiesbaden belastbare Zahlen zur Wertschöpfung und zu möglichen Folgeeffekten, argumentierte Völker.
Zur Nachtökonomie zählen nach diesem Verständnis nicht nur Clubs und Bars. Auch Restaurants, Kneipen, Kioske, Kulturstätten, Veranstaltungsorte und soziokulturelle Zentren gehören dazu. Sie schaffen Arbeitsplätze, erzielen Umsätze und tragen zur Attraktivität der Stadt bei.
Volt fragt nach dem Wiesbaden nach 20 Uhr
Volt-Stadtverordneter Daniel Weber rückte die Wissenslücken der Stadt in den Mittelpunkt. „Wie gut kennen wir eigentlich das wirtschaftliche Wiesbaden nach 20 Uhr?“, fragte er. Während Verwaltung, Handel, Dienstleistungen und Tourismus tagsüber vergleichsweise gut erfasst seien, wisse die Stadt über die wirtschaftlichen Verflechtungen des Nachtlebens deutlich weniger. Die geplante Studie solle deshalb zunächst klären, welche Angebote bestehen, wer sie nutzt und wo Lücken liegen.
In der Aussprache fiel dazu ein Satz, der die Haltung der Befürworter zusammenfasste: „Die Nacht ist nicht mehr das, was übrig bleibt, wenn der Tag vorbei ist. Die Nacht ist ein Teil der Stadt.“
Dieser Blick berührt auch die Stadtentwicklung. Wer neue Quartiere plant, öffentliche Plätze gestaltet oder über Gastronomieansiedlungen entscheidet, müsste demnach frühzeitig berücksichtigen, was dort am Abend und in der Nacht geschehen soll.
Ausgehviertel und fehlende Angebote
Als Beispiele für bereits vorhandenes Nachtleben nannten Redner die Taunusstraße, die obere Webergasse, die Nerostraße, das Schiffchen und den Kulturpark. Auch kleinere Initiativen und Treffpunkte in den Stadtteilen zeigten, welches Potenzial Wiesbaden besitze.
Zugleich wurde eingeräumt, dass Wiesbaden im Vergleich mit anderen Großstädten nur wenige Clubs und Live-Spielstätten hat. Manche Plätze in der Innenstadt leeren sich am Abend rasch. Besonders für junge Menschen, Studierende und Menschen mit kleinerem Budget sei das Angebot begrenzt.
Hinweise darauf liefern Untersuchungen des städtischen Amts für Statistik und Stadtforschung. In der Studierendenbefragung 2024 nannten Befragte Ausgehen, Nachtleben und Gastronomie als wichtige Freizeitbereiche. Auch in anderen Erhebungen wurden fehlende Angebote für junge Erwachsene und ein ausbaufähiges Nachtleben angesprochen.
SPD fordert Maßnahmen statt neuer Erkenntnisse
SPD-Stadtverordnete Kaiser bestritt nicht, dass Wiesbaden ein attraktiveres Nachtleben brauche. Sie stellte jedoch infrage, ob dafür eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung notwendig sei.
Viele Probleme seien längst bekannt. Die Stadt verfüge über Erfahrungen aus Gastronomie und Kulturszene, Ergebnisse früherer Untersuchungen und Erkenntnisse aus der Arbeit der beiden ehemaligen Nachtbürgermeister. Statt eine weitere Bestandsaufnahme zu finanzieren, solle Wiesbaden konkrete Maßnahmen entwickeln, deren Kosten benennen und politische Prioritäten setzen.
„Was machen wir endlich mit dem, was wir bereits wissen?“, fragte Kaiser.
Hinter der Kritik steht auch die angespannte Haushaltslage. Die AfD lehnte den Antrag mit Verweis auf die möglichen Kosten ab. Aus den Reihen der Linken kam der Einwand, eine Studie zu finanzieren, während kleinere Kultur- und Subkulturorte mit steigenden Ausgaben und finanziellen Schwierigkeiten kämpften, setze die falschen Prioritäten.
Seipel-Rotter nennt möglichen Kostenrahmen
Eine abschließende Kostenschätzung liegt noch nicht vor. Grünen-Stadtverordneter Seipel-Rotter verwies auf vergleichbare Untersuchungen aus anderen Städten. Sie hätten zwischen 20.000 und 50.000 Euro gekostet. Für die Wiesbadener Studie könne eine Kostenobergrenze festgelegt werden, sagte er.
Die Debatte drehte sich damit nicht nur um den Nutzen neuer Erkenntnisse, sondern auch um deren Preis. Die zentrale Frage lautet: Reicht das vorhandene Wissen für politisches Handeln aus – oder braucht Wiesbaden zunächst eine systematische Datengrundlage?
Georgi verlangt konkrete Handlungsvorschläge
Wirtschaftsdezernentin Daniela Georgi (CDU) unterstützte das Vorhaben, machte aber deutlich, dass eine reine Bestandsaufnahme nicht genüge. Die Untersuchung müsse konkrete Handlungsfelder benennen und zeigen, welche Maßnahmen für Wiesbaden geeignet seien.
Dabei solle die Studie nicht nur mögliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkungen betrachten. Auch der organisatorische, personelle und finanzielle Aufwand denkbarer Maßnahmen müsse deutlich werden.
Zum Untersuchungsfeld gehören nach Georgis Darstellung außerdem die Konflikte, die mit einer lebendigen Nacht verbunden sind: Lärm, Sicherheit, Mobilität, Erreichbarkeit und die Interessen der Menschen, die in den betroffenen Quartieren wohnen.
Jakobs erinnert an Wiesbadens frühere Clubszene
CDU-Stadtverordneter Nikolas Jakobs setzte einen historischen Akzent. Er erinnerte an den Kunstsammler und früheren Clubbetreiber Frank Brabant und dessen Berichte über das Wiesbadener Nachtleben der 1960er- und 1970er-Jahre. Wiesbaden sei damals im Rhein-Main-Gebiet eine wichtige Adresse für Nachtschwärmer gewesen. Der Rückblick sollte zeigen, dass es keine unveränderliche Eigenschaft einer Stadt ist, ob sie am Abend wenig oder viel zu bieten hat.
Die nun beschlossene Studie soll deshalb nicht klären, ob Wiesbaden ein zweites Berlin, Frankfurt oder Mainz werden sollte. Sie soll herausarbeiten, welches Nachtleben zur Stadt passt, welche Angebote funktionieren, wo Lücken bestehen und welchen Beitrag Gastronomie, Kultur und Veranstaltungsorte zur Wirtschaft und Lebensqualität leisten.
Am Ende des Abends steht noch kein neuer Club, keine verlängerte Öffnungszeit und kein zusätzliches Kulturzentrum. Beschlossen wurde zunächst eine Untersuchung. Ob daraus tatsächlich mehr Leben nach 20 Uhr entsteht, entscheidet sich erst, wenn aus den gewonnenen Daten konkrete Politik wird.
Symbolfoto ©2022 Bar nullsechsneun roofgarden
Weitere Nachrichten aus dem Stadtteil Mitte lesen Sie hier.
Tagesordnung und mehr zu den Inhalten der Stadtverordnetenversammlung.



„Bevor ich sterbe, lebe ich“: Advena zeigt Hospizarbeit
Was ist los in Wiesbaden? Von Science Slam bis Spitzenvolleyball
Flohmarkt in Wiesbaden – suchen und finden
Erstes Heimspiel! VCW empfängt Aachen zum Heimauftakt
Schrauben, löten, plaudern: Repair Café im Umweltladen
Kunst, Kürbis und Gespräche im Kunsthaus Wiesbaden 