Vor hundert Jahren kamen Biebrich, Schierstein und Sonnenberg zu Wiesbaden. Ein neuer Quellenband zeigt, was die Orte verband – und worüber sie mit der Stadt verhandelten.
Am 1. Oktober 1926 wuchs Wiesbaden auf einen Schlag: Biebrich, Schierstein und Sonnenberg wurden Teil der Stadt. Auf dem Papier änderten sich Grenzen und Zuständigkeiten. Für die Menschen in den drei Orten ging es um mehr. Wer würde künftig über Straßen, Schulen oder Personal entscheiden? Was konnten die Gemeinden für ihre Einwohner aushandeln? Und was blieb von ihrer Eigenständigkeit?
Hundert Jahre später öffnet das Stadtarchiv die Akten zu diesen Fragen. Band 19 der „Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden“ versammelt Dokumente zu den Eingemeindungen der 1920er und 1970er Jahre. Sie zeigen eine Stadt, die wachsen wollte, und Gemeinden, die vor dem Zusammenschluss ihre Interessen sichern mussten.
Drei Orte, drei Voraussetzungen
Die erste große Eingemeindungswelle brachte Wiesbaden sehr unterschiedliche Nachbarn. Biebrich war eine eigenständige Stadt und ein bedeutender Industriestandort am Rhein. Unternehmen wie Kalle und Dyckerhoff hatten dort Arbeitsplätze geschaffen; die Bevölkerung war stark gewachsen. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet Biebrich jedoch in schwere finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt näherte sich nach Darstellung der Landeshauptstadt dem Rand des Bankrotts und schloss sich dem finanzstärkeren Wiesbaden an. Bei der Eingemeindung zählte Biebrich 21.672 Einwohner. Heute ist es Wiesbadens bevölkerungsreichster Ortsbezirk: Ende 2024 lebten dort 39.447 Menschen.
Schierstein brachte eine andere Geschichte mit. Weinbau und Landwirtschaft prägten den Ort über Jahrhunderte. Im 19. Jahrhundert kamen der Hafen, ein Bahnanschluss und Industriebetriebe hinzu, darunter die Sektkellerei Söhnlein. Als Schierstein zu Wiesbaden kam, lebten dort nach dem Statistischen Jahrbuch der Stadt 4.953 Menschen. Der Ort am Rhein war damit weit kleiner als Biebrich, verfügte aber über eine eigene wirtschaftliche Entwicklung und gewachsene Bindungen.
Sonnenberg wiederum hatte sich um 1900 zu einem gefragten Wohnort am Rand Wiesbadens entwickelt. Die elektrische Straßenbahn verband den Ort seit 1901 mit der Stadt, 1909 erhielt er ein Kanalnetz. Der Anschluss an Wiesbaden folgte 1926. Das Statistische Jahrbuch verzeichnet für Sonnenberg damals 4.018 Einwohner.
Alle drei Orte wurden am 1. Oktober 1926 eingemeindet. Das amtliche Statistische Jahrbuch nennt dieses Datum ausdrücklich für Biebrich, Schierstein und Sonnenberg.
Was auf dem Verhandlungstisch lag
Die unterschiedlichen Geschichten erklären, warum eine Eingemeindung für jeden Ort etwas anderes bedeutete. Für Biebrich bot Wiesbaden einen Ausweg aus der Finanznot. Für die Gemeinden stellte sich zugleich die Frage, welche Aufgaben, Beschäftigten und Kosten die größere Stadt übernehmen würde. Auch über Ausgleichszahlungen, Sonderregeln für die neuen Bezirke sowie über Straßen und Bauvorhaben wurde verhandelt.
Der Quellenband führt vor Augen, wie konkret solche Gespräche waren. Hinter einer Verwaltungsgrenze standen Arbeitsplätze, Haushalte und örtliche Vorhaben. Die Vertreter der Gemeinden wollten Zusagen für ihren Ort erreichen, bevor sie ihre Selbstständigkeit aufgaben. Was aus Wiesbadener Sicht ein Schritt zur größeren Stadt war, bedeutete für die bisher eigenständigen Orte auch, Entscheidungsmacht abzugeben.
„Die Quellen zeigen, dass Eingemeindungen weit mehr waren als die Veränderung von Verwaltungsgrenzen“, sagt Wiesbadens Kulturdezernentin Patricia Becher. Die Unterlagen lassen sowohl Wiesbadens Sicht als auch die der eingemeindeten Gemeinden erkennen. Aus der Weltkurstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstand eine Landeshauptstadt, deren Stadtteile ihre eigenen Geschichten mitbrachten.
Wiesbaden wächst weiter
Auf die drei Orte von 1926 folgten 1928 Bierstadt, Dotzheim, Erbenheim, Frauenstein, Georgenborn, Heßloch, Igstadt, Kloppenheim und Rambach. In den 1970er Jahren veränderte die hessische Gebietsreform die Stadt erneut. Der Band verfolgt diese verschiedenen Phasen anhand von Dokumenten aus dem Stadtarchiv.
Er erzählt auch von Fällen, die sich nicht in eine einfache Wachstumsgeschichte fügen. Georgenborn kam 1928 zu Wiesbaden, schied aber bereits 1939 wieder aus dem Stadtkreis aus. Die Geschichte von Amöneburg, Kastel und Kostheim verlief ebenfalls anders: Die vormals zu Mainz gehörenden Orte wurden 1945 infolge einer Anordnung der Militärregierung dem Regierungsbezirk Wiesbaden zugeordnet. Ob diese Entscheidung rückgängig gemacht werden sollte, blieb lange umstritten. Selbst ein Rechtsgutachten aus dem Jahr 1954 beendete die Debatte nicht; sie reichte bis weit in die 1980er Jahre.
Diese Beispiele zeigen, wie dauerhaft eine Entscheidung über Grenzen nachwirken kann. Was ein Gesetz regelt, muss für die Menschen vor Ort noch lange nicht erledigt sein. Zugehörigkeit lässt sich festschreiben. Ob sich ein Ort als Teil einer größeren Stadt versteht, entwickelt sich über Jahrzehnte
Geschichte ohne glatte Erzählung
Herausgeber Peter Quadflieg, Leiter des Stadtarchivs, weiß, dass der neue Band den Lesern einiges abverlange. So bezeichnet er den Band uch nicht als klassische historische Abhandlung. Die Quellen zu den einzelnen Stadtteilen seien dafür zu unterschiedlich überliefert. Statt eine durchgehende Geschichte zu behaupten, stellt der Band Dokumente zu Gesetzen, öffentlichen Debatten und dem Handeln der Verwaltungen nebeneinander.
Gerade darin liegt sein Wert. Die Akten bewahren Widerspruch, offene Fragen und die Interessen der Beteiligten. Sie lassen erkennen, dass Wiesbadens heutige Stadtteile weder alle auf dieselbe Weise noch aus denselben Gründen zur Stadt kamen.
„Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger. 100 Jahre Eingemeindungen nach Wiesbaden“ heißt der von Peter Quadflieg herausgegebene Band. Er umfasst 480 Seiten, kostet 34,99 Euro und trägt die ISBN 978-3-9825083-4-4. Wer ihn liest, begegnet hinter den vertrauten Ortsnamen einer Stadtgeschichte, die noch immer im Alltag Wiesbadens zu erkennen ist.
Foto – Buchcover Band 19 der Schriftenreiche ©2026 LH Wiesbaden
Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Biebrich lesen Sie hier.
Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Schierstein lesen Sie hier.
Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Mitte lesen Sie hier.
Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Sonnenberg lesen Sie hier.
Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Frauenstein lesen Sie hier.
Mehr von der Schriftenreihe der Stadt, von Band 01 bis band 02.



Geschichte vor Ort erleben: Rundgang in der KZ-Gedenkstätte
Wiesbaden fördert Kulturprojekte an Schulen
Anna von Doemming hat jetzt eine Straße in Wiesbaden
„Im Prinzip Familie“: Film und Gespräche zur Jugendhilfe
Schwimmbäder werden teurer: mattiaqua hebt Preise an
Dotzheimer Straße: Baustelle bis Anfang Oktober 