Jan Muche trifft im Museum Wiesbaden auf Ilya Kabakov – und fragt mit seiner Kunst nach Arbeit, Utopie und Gerechtigkeit.
Wer Jan Muche folgt, landet nicht bei der nostalgischen Verklärung einer vergangenen politischen Idee. Seine Kunst fragt vielmehr, was von großen gesellschaftlichen Versprechen übrig bleibt, wenn Fortschritt, Arbeit und Gerechtigkeit auseinanderdriften. Im Museum Wiesbaden trifft der Berliner Künstler nun auf einen Raum, der für diese Fragen wie geschaffen scheint: Ilya Kabakovs „Der Rote Waggon“.
Museum Wiesbaden, kurz gefasst
Sonderausstellung – Ein Schritt vor, zwei Schritt zurück. Intervention von Jan Muche
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5,00 Euro
Wann: 11. September 2026 bis zum 04. April 2027
Wo: Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden
Zwei Künstler, eine Frage nach der Utopie
Für Muche, 1975 in Herford geboren, kam nach Angaben des Museums nur der Kabakov-Raum für seine Intervention infrage. Dort erweitert er die bestehende Installation mit eigenen Bildern, Skulpturen und Objekten. Unter dem Titel „Ein Schritt vor, zwei Schritt zurück“ entsteht so kein bloßes Nebeneinander zweier künstlerischer Positionen. Muche sucht vielmehr das Gespräch mit Kabakov – über politische Hoffnungen, soziale Wirklichkeit und das Scheitern großer Entwürfe.
Kabakov erzählt im „Roten Waggon“ vom Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion. Am Anfang steht der euphorische Aufbruch, in dem Kunst und Politik eine neue Gesellschaft versprechen. Muche setzt an diesem Gedanken an, verschiebt jedoch den Blick in die Gegenwart. Ihn beschäftigen linke Utopien ebenso wie soziale Missstände, Ungerechtigkeit und die Frage, wer am versprochenen Fortschritt tatsächlich teilhaben darf.
Stahlgerüste zwischen Fortschritt und Ausbeutung
Besonders deutlich wird das in Muches gemalten Stahlbaukonstruktionen. Sie erinnern an die Industrialisierung, an technische Möglichkeiten und zugleich an jene Menschen, deren harte Arbeit diesen Fortschritt erst möglich machte. Kurator Peter Forster beschreibt die Arbeiten als Visionen „einer anderen, besseren Zukunft“. Die Staffagen erinnern an Bauschilder und verweisen auf eine Zukunft, die erst noch entstehen soll.

Damit rückt Jan Muche im Museum Wiesbaden Arbeit ins Zentrum einer politischen Erzählung. Wer arbeitet, wer profitiert, wie werden Güter verteilt – und wann verwandelt sich das Versprechen von Teilhabe in Ausbeutung? Die Bilder geben darauf keine einfachen Antworten. Die Bilder stellen die Fragen in den Raum. Gerade im Zusammenspiel mit Kabakov entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen historischer Erfahrung, politischer Hoffnung und ernüchternder Gegenwart.
Ein fehlendes „e“ verändert den Titel
Auch der Ausstellungstitel trägt eine politische Spur. Muche bezieht sich auf Lenins Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ aus dem Jahr 1904. Doch er streicht bewusst das „e“ in „Schritte“. Aus dem bekannten Satz wird „Ein Schritt vor, zwei Schritt zurück“. Die kleine sprachliche Irritation markiert Distanz: Zeiten ändern sich, politische Gewissheiten ebenso.
Bild – Blick in die Ausstellung. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
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Mehr vom Museum Wiesbaden finden Sie unter museum-wiesbaden.de.



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