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Zahlreiche Gäste verfolgen die Eröffnung des Wiesbadener Gesundheitskiosks. Vorne spricht eine Frau am Rednerpult, daneben übersetzt ein Gebärdensprachdolmetscher. Auf einem Bildschirm wird erläutert, was der Gesundheitskiosk leisten soll: eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Gesundheitsfragen.

Im Westcenter öffnet Wiesbadens erster Gesundheitskiosk

Eigentlich wollte Wiesbaden drei Gesundheitskioske eröffnen. Dann fiel die geplante Bundesförderung weg. Nun startet der erste Standort im Westcenter – als Anlaufstelle für Menschen, die Beratung suchen, Gesundheitsangebote finden oder sich im komplizierten Gesundheits- und Sozialsystem besser orientieren wollen.

Volker Watschounek 1 Monat vor 0

Hessens erster Gesundheitskiosk: Er soll Menschen Orientierung geben, den Weg durchs Gesundheitssystem erleichtern dun die Gesundheitsvorsorge dorthin bringen, wo sie gebracuht wird.

Wer an einen Kiosk denkt, erwartet Zeitungen, Getränke oder vielleicht einen Kaffee. Im Wiesbadener Westcenter gibt es künftig etwas anderes: Orientierung. Wer nicht weiß, an wen er sich mit gesundheitlichen Fragen wenden soll, Unterstützung sucht oder schlicht verstehen möchte, welche Angebote es überhaupt gibt, soll hier künftig eine erste Anlaufstelle finden.

Mit dem Gesundheitskiosk eröffnet die Wiesbaden sein erstes Angebot dieser Art. Nach Angaben der Stadt ist es zugleich der erste kommunale Gesundheitskiosk in Hessen. Der reguläre Betrieb beginnt am 1. Oktober.

Dabei hätte das Projekt ursprünglich deutlich größer ausfallen sollen. Als Wiesbaden mit den Planungen begann, stand noch eine Förderung des Bundes in Aussicht. Rechnerisch sollte eine Einrichtung demnach rund 80.000 Einwohner kommen. Wiesbaden plante gleich drei Standorte.

Dann änderten sich die politischen Rahmenbedingungen. Die angekündigte Förderung blieb aus, die Stadt musste ihre Pläne neu kalkulieren. Die Standorte in Biebrich sowie im Bereich Amöneburg, Kastel und Kostheim (AKK) fielen dem Rotstift zum Opfer. Geblieben ist der Gesundheitskiosk im Westcenter. „Wir müssen es jetzt kommunal finanzieren. Darum ist es erst mal nur einer. Aber der steht“, sagte Gesundheitsdezernentin Milena Löbcke bei der Eröffnung.

Aus drei Standorten wurde einer

Dass der erste Gesundheitskiosk im Westcenter entstanden ist, hatte praktische Gründe. Projektleiterin Laila El-Marssi und ihr Team suchten Räume, die gut erreichbar sind und genügend Platz bieten, um mehr als Einzelberatungen zu ermöglichen. Hier im Westcenter fanden sie entsprechende Flächen. Arztpraxen und weitere gesundheitliche Angebote befinden sich in unmittelbarer Nähe. Außerdem ist der das Westcenter gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Nach der Entscheidung begann der weniger sichtbare Teil des Projekts: Planung, Genehmigungen, Umbau und schließlich sogar eine Asbestsanierung.

El-Marssi kenne inzwischen, wie Löbcke augenzwinkernd berichtete, „jede Schraube, jede Deckenlampe, jedes Maß von jedem Fenster“. Jetzt soll sich zeigen, ob sich dieser Aufwand im Alltag auszahlt. Denn eines ist der Gesundheitskiosk ausdrücklich nicht: eine weitere Arztpraxis.

Ein Smartphone hält den Moment einer Rede fest: Auf dem Display ist Wiesbadens Sozialdezernentin Milena Löbcke am Mikrofon zu sehen. Während das Umfeld bewusst unscharf bleibt, rückt die Aufnahme auf dem Handy die Rednerin in den Mittelpunkt.
Die Rede im Blick: Sozialdezernentin Milena Löbcke spricht vor den Gästen – und wird dabei mit dem Smartphone festgehalten. ©2026 Volker Watschounek

Der Gesundheitskiosk behandelt nicht – er lotst

Im Gesundheitskiosk sitzen keine Hausärzte, die Diagnosen stellen oder Rezepte ausstellen. Wer medizinische Hilfe benötigt, muss weiterhin eine Arztpraxis aufsuchen. Der Kiosk setzt davor oder begleitend an.

„Sie kommen zu uns mit einer Fragestellung, wir versuchen dann, bestmöglich zu lenken und zu lösen“, beschreibt Projektleiterin El-Marssi den Ansatz. Das beginnt oft bei alltäglichen Anliegen. Wer beispielsweise Gewicht reduzieren möchte, aber nicht weiß, welches Angebot sinnvoll ist, erhält Hinweise auf Präventionskurse, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.

Damit reagiert die Stadt auf ein Problem, das weit über Wiesbaden hinausreicht. Das Gesundheits- und Sozialsystem hält zwar Hilfen bereit. Viele Menschen verlieren hier im Dickicht aus Zuständigkeiten, Anträgen, Terminvergaben und Beratungsangeboten jedoch schnell den Überblick – gerade dann, wenn sie ohnehin Unterstützung benötigen.

Hinzu kämen sprachliche, soziale und kulturelle Barrieren, erklärte Löbcke. Deshalb gehe es vor allem um gesundheitliche Chancengleichheit. „Wir wollen nicht erst dann handeln, wenn die gesundheitlichen Probleme schwer sind“, sagte die Dezernentin. Der Gesundheitskiosk solle früher ansetzen und „eine Brücke bauen zwischen den Bürgern und dem Gesundheitssystem“.

Gesundheit beginnt lange vor dem Arztbesuch

Das Konzept beschränkt sich deshalb nicht auf die Vermittlung bestehender Angebote. Eine zweite Säule bildet die Gesundheitskompetenz. Menschen sollen besser einschätzen können, was ihrer Gesundheit guttut und wie sie selbst vorbeugen können.

Dabei geht es um Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit ebenso wie um den Umgang mit Hitze oder die Frage, wie sich Gesundheitsinformationen richtig einordnen lassen. Kurse, Informationsveranstaltungen und praktische Angebote sollen künftig direkt im Westcenter stattfinden.

Dr. Katharina Ferrari-Kühne, kommissarische Leiterin des Wiesbadener Gesundheitsamtes, bezeichnet den Gesundheitskiosk als „Navigator“ durch ein immer komplexeres Gesundheits- und Sozialsystem. Entscheidend sei, dass das Angebot offen und unabhängig bleibe. Herkunft oder Krankenversicherungsstatus spielten keine Rolle. Der Zugang müsse niedrigschwellig, verständlich und kultursensibel sein.

Damit verändert sich auch die Rolle des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Gesundheitsämter geraten häufig erst dann in den Fokus, wenn Infektionskrankheiten auftreten oder größere Gesundheitsgefahren drohen – etwa während der Corona-Pandemie oder bei Masernausbrüchen. Moderne Gesundheitsvorsorge setzt jedoch deutlich früher an: Sie informiert, vernetzt und versucht Risiken zu erkennen, bevor daraus ernsthafte Erkrankungen entstehen.

Räume für Beratung, Kurse und Selbsthilfe

Der Gesundheitskiosk wird deshalb kein klassischer Schalterbetrieb sein. Die Räume sind so gestaltet, dass dort sowohl vertrauliche Einzelgespräche als auch Kurse und kleinere Veranstaltungen stattfinden können.

Auch Wiesbadener Selbsthilfegruppen sollen die Multifunktionsräume kostenfrei nutzen können. Damit erhält der Gesundheitskiosk eine weitere Aufgabe: Er verweist nicht nur auf bestehende Angebote, sondern holt viele davon direkt unter ein Dach.

Seinen vollen Charakter werde „der eigentliche Gesundheitskiosk erst im Laufe der Zeit entwickeln“, sagte Ferrari-Kühne. Entscheidend seien die Menschen, „die hier beraten, sich austauschen, gemeinsam lernen, kochen, sich bewegen und erste Hilfe leisten und erste Hilfe erhalten“. Der Kiosk starte deshalb nicht mit einem starren Programm. Neue Kooperationen und Angebote sollen das Konzept kontinuierlich erweitern.

Ein großer Blumenstrauß dominiert die Szene, dahinter stehen zwei Frauen, die sich lächelnd ansehen. Die Aufnahme fängt einen persönlichen Moment der Gratulation und Anerkennung ein. Im Mittelpunkt steht Dr. Katharina Ferrari-Kühne, die hinter den Blumen in die Kamera blickt.
Blumen und Glückwünsche: Dr. Katharina Ferrari-Kühne freut sich über einen großen Strauß und die persönliche Gratulation. ©20276 Volker Watschounek

Das Volksbildungswerk bringt seine Erfahrung ein

Zu den ersten Partnern gehört das Volksbildungswerk Klarenthal. Für dessen pädagogische Geschäftsführerin Sabine Betz gehören Bildung und Gesundheit untrennbar zusammen. „Wer gut informiert ist, kann selbstbestimmt handeln und besser für die eigene Gesundheit sorgen“, sagte sie.

Das Volksbildungswerk ist seit vielen Jahren im Stadtteil verankert und will diese Erfahrung in das neue Angebot einbringen. Geplant sind unter anderem Erste-Hilfe-Kurse für Kinder und ältere Menschen, Letzte-Hilfe-Kurse, Angebote zur progressiven Muskelentsspannung sowie Veranstaltungen rund um gesunde Ernährung.

Auch die digitale Gesundheitswelt spielt dabei eine wichtige Rolle. Arzttermine werden zunehmend online vergeben, Befunde digital bereitgestellt und Krankenkassen verlagern ihre Angebote in Apps. Was für viele den Alltag erleichtert, kann andere ausschließen.

Gerade ältere Menschen benötigten hierbei Unterstützung, sagte Betz. Deshalb sollen die 14 vom Volksbildungswerk betreuten Digi-Lotsen künftig ebenfalls im Gesundheitskiosk aktiv werden. Sie helfen dabei, digitale Gesundheitsangebote sicher und selbstständig zu nutzen.

Foto – Einweihung des Gesundheitskiosk im Westcenter in Dotzheim ©2024 Pixabay

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Das Gesundheitsamt der Stadt finden Sie unter www.wiesbaden.de.

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