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Schwarz-Weiß-Porträt von Gisela Kessler. Die Aufnahme zeigt sie in einer nahen Porträtansicht

Gisela Keßler: Eine Frau, die ihrer Zeit voraus war

Sie setzte auf Solarenergie, als Klimaschutz noch kein großes Thema war, kämpfte für Frauen und eine gerechtere Welt: Gisela Keßler prägte die evangelische Kirche in Wiesbaden über Jahrzehnte. Nun ist die streitbare Christin und Kirchenpolitikerin überraschend mit 88 Jahren gestorben.

Volker Watschounek 1 Monat vor 0

Gisela Keßler kämpfte früh für Klima, Frauen und Gerechtigkeit. Nun ist die prägende Wiesbadenerin mit 88 Jahren gestorben.

Gisela Keßler war eine Frau, die gesellschaftliche Fragen nicht nur diskutierte, sondern früh ins Handeln übersetzte. Vergangenen Freitag, 4. September, ist die überzeugte Christin und langjährige Kirchenpolitikerin im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Evangelische Kirche in Wiesbaden trauert um eine streitbare Stimme, die Glauben stets auch als Auftrag verstand, sich einzumischen.

Klimaschutz, bevor das Wort alltäglich wurde

Wer heute über nachhaltige Gemeinden spricht, findet in Keßlers Wirken Beispiele, die Jahrzehnte zurückreichen. Auf dem Gemeindehaus der damaligen Albert-Schweitzer-Gemeinde in Biebrich arbeitet seit rund 30 Jahren eine Photovoltaikanlage. Auch bei Geldanlagen drängte Gisela Keßler früh auf faire und ethische Maßstäbe. Auf ihre Initiative trat die Gemeinde bereits vor drei Jahrzehnten einer Entwicklungsgenossenschaft bei.

Ihr Blick reichte dabei weit über Wiesbaden hinaus. Rund 40 Jahre betreute sie den Eine-Welt-Stand im Albert-Schweitzer-Gemeindezentrum. Noch bis zu ihrem Tod sammelte sie Spenden für Frauen in Nicaragua. Die Rechte von Frauen und Mädchen blieben ein roter Faden ihres Lebens. Ihr Engagement verband damit lokale Gemeindearbeit mit einem internationalen Blick auf Armut, Teilhabe und Gerechtigkeit. Viele Jahre gehörte sie der Jury an, die den Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis für feministische Theologie und theologische Frauenforschung vergibt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert Kirche mitgestaltet

Zusammen mit ihrem Mann gehörte Gisela Keßler zu den Gründungsmitgliedern der evangelischen Albert-Schweitzer-Gemeinde in Biebrich. Mehr als 50 Jahre arbeitete sie im Kirchenvorstand mit. Außerdem engagierte sie sich in der Wiesbadener Dekanatssynode und in der Kirchensynode in Darmstadt.

Auch Veränderungen in der kirchlichen Landschaft schreckten sie nicht. Sie begleitete die Fusion der Albert-Schweitzer-Gemeinde mit der Hauptkirchengemeinde zur Hoffnungsgemeinde. Bis zuletzt arbeitete sie an der geplanten weiteren Verbindung der Biebricher Kirchengemeinden mit Gemeinden in Kostheim und Kastel mit.

Menschen, die Gisela Keßler kannten, erinnern sich an ihre große Wissbegierde, besonders bei theologischen Fragen, und an einen scharfen Intellekt. Sie suchte Antworten darauf, was Glaube angesichts gesellschaftlicher Konflikte bedeuten kann – und beließ es selten bei theoretischen Debatten.

Glaube als Haltung zur Welt

Für ihren Einsatz für Nachhaltigkeit, Frieden und Gerechtigkeit zeichnete das Evangelische Dekanat Wiesbaden Gisela Keßler 2020 mit dem Wilhelm-Kahl-Preis für Mitmenschlichkeit aus. Die Auszeichnung würdigte einen Einsatz, der weder modischen Konjunkturen folgte noch auf schnelle Wirkung zielte. Sie bündelte, was ihr Engagement über Jahrzehnte prägte: Kirche sollte für sie nicht am eigenen Gemeindetor enden.

Der Biebricher Pfarrer Dr. Thomas Krenski beschreibt Keßler als eine Frau, die „wirklich aus ihrem Glauben lebte“. Er erinnert zugleich an ihre persönliche Seite: Keßler habe manchmal unter Einsamkeit gelitten und offen darüber gesprochen. Für Krenski bleibt sie „eine große Frau“, die bis ins hohe Alter unbeugsam für eine gerechtere Welt kämpfte.

Mit Gisela Keßler verliert Wiesbaden eine Frau, die kirchliches Leben, gesellschaftliche Verantwortung und politische Wachheit miteinander verband. Die Evangelische Kirche in Wiesbaden spricht den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Der Termin für die Trauerfeier steht noch nicht fest.

Gisela Kessler im Porträt. ©2026 Evan. Dekanat

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