Im Murnau-Filmtheater feiern Sabine und Herbert-Dieter Nutbohm ihre Eiserne Hochzeit. Auf der Leinwand läuft dabei ihr eigenes Leben.
Der Saal des Murnau-Filmtheaters ist an diesem Dienstagnachmittag nur halb gefüllt. Doch diese Geschichte braucht keine große Premiere. Familie, Freunde, Nachbarn und Weggefährten haben Platz genommen. Gleich geht das Licht aus. Dann erscheint auf der Leinwand das gemeinsame Leben von Sabine und Herbert-Dieter Nutbohm.
Am 15. September feiern sie ihre Eiserne Hochzeit. Auf den Tag genau 65 Jahre zuvor haben sie geheiratet. Herbert-Dieter Nutbohm holte dafür alte Hochzeitsbilder hervor. Ein Freund machte daraus mithilfe künstlicher Intelligenz einen kleinen Film. Dass die KI den Alterungsprozess der jungen Menschen auf den Fotografien nicht simuliert hat, darüber ist Nutbohm durchaus froh. Die vergangenen Jahrzehnte liefern selbst genügend Bilder.
Ein Leben wie ein Film
Ein gewöhnlicher Empfang wäre Herbert-Dieter Nutbohm vermutlich zu wenig gewesen. Er ist Hobbyfilmer und liebt das Kino seit seiner Kindheit. Also feiert das Paar dort, wo Erinnerungen ohnehin zu Bildern werden: im Murnau-Filmtheater. Bevor der Film beginnt, werden offizielle Glückwünsche verlesen. Die Landeshauptstadt Wiesbaden gratuliert ebenso wie Hessens Ministerpräsident Boris Rhein. Auch aus dem Bundespräsidialamt von Frank-Walter Steinmeier ist Post gekommen. Die eigentliche Geschichte erzählen jedoch die Menschen im Saal – und die Bilder, die Nutbohm über Jahrzehnte gesammelt hat.

Eine Liebe beginnt beim Tanz
Sabine und Herbert-Dieter lernen sich als Jugendliche in Stade kennen. Beide sind etwa 17 Jahre alt. Eigentlich, erzählt die Familie heute, hatte Sabine zunächst ein Auge auf Herbert-Dieters Bruder geworfen. Er sollte sie zu einem Abschlussball begleiten. Daraus wurde nichts. Also sprang der jüngere Bruder ein.
Manchmal braucht eine 65 Jahre währende Ehe offenbar nur die richtige Vertretung beim Tanz.
Aus dem Ball wurde eine Beziehung. Ausbildung und Beruf trennten zunächst ihre Wege. Herbert-Dieter ging zur Flugschule nach Bremen, Sabine nach Göttingen, wo sie als Lehrerin arbeitete. Videotelefonie, Messenger oder schnelle Zugverbindungen gab es nicht. Herbert-Dieter setzte sich auf seine kleine BMW und fuhr mit dem Motorrad zu seiner Freundin. Am 15. September 1961 heirateten die beiden.
Wiesbaden wird zur Heimat
Zunächst zog das Paar nach Hamburg. Herbert-Dieter Nutbohm wurde Pilot bei der Lufthansa, Tochter Antje kam zur Welt. Weil sein beruflicher Mittelpunkt zunehmend in Frankfurt lag, zog die Familie nach Wiesbaden. Hier wurde Sohn Nils geboren, nur elf Monate nach seiner Schwester.
Auch Sabine Nutbohm fand in Wiesbaden eine Aufgabe, die ihr Berufsleben prägte. Als Lehrerin unterrichtete sie junge Gefangene in der Jugendvollzugsanstalt Wiesbaden und bereitete sie auf den Hauptschulabschluss vor. Ihre Arbeit eröffnete den Jugendlichen die Chance, einen Schulabschluss nachzuholen und damit eine wichtige Voraussetzung für das Leben nach der Haft zu schaffen
Anfangs wohnte die junge Familie in einer Zweieinhalbzimmerwohnung. Im Jahr 1971 kauften Sabine und Herbert-Dieter Nutbohm ein Haus. Dort leben sie bis heute.
Die Kinder wachsen in Wiesbaden auf, zieht es später aber ebenfalls hinaus in die Welt. Antje studiert mit einem Stipendium in den USA und besucht anschließend die Deutsche Journalistenschule in München. Nils wird Geologe, studiert in Kiel und in den USA. Später lebt er 14 Jahre mit seiner Familie in Australien. Heute wohnt er wieder nur wenige Minuten von seinen Eltern entfernt. Genauso wie seine Schwester. Vier Enkel gehören inzwischen auhch zur Familie.

Zwischen Brunei und dem Mount Everest
Für Herbert-Dieter Nutbohm war die Welt lange Zeit sein Arbeitsplatz. Er flog für die Lufthansa, zunächst auf Kurz-, später auf Langstrecken. Sein letztes Berufsjahr verbrachte er in Brunei. Dort gehörte er zu einer Gruppe erfahrener Piloten, die für die Flugbereitschaft des Sultans eingesetzt wurden.
Sabine begleitete ihren Mann. Zusammen erlebten sie in Südostasien den Übergang in den Ruhestand. Nutbohm hielt die Zeit mit seiner Kamera fest und fügte die Aufnahmen später zu einem Film zusammen. „Er zeigt, wie wir damals waren, wie wir gelebt haben und natürlich auch, wie wir damals ausgesehen haben“, sagt er, bevor es im Saal dunkel wird.
Was als Reiseerinnerungen entstand, ist inzwischen zum Familienarchiv geworden. Denn Brunei blieb nicht das einzige Ziel. Das Paar reiste zum Kilimandscharo und bis zum Basislager des Mount Everest. Neugier und Fernweh prägten die Familie.
Film und Sport als gemeinsame Leidenschaften
Die Kamera begleitet Herbert-Dieter Nutbohm seit Jahrzehnten. Er dokumentiert das Familienleben, beschäftigt sich mit Wetter und Naturwissenschaften und tritt auch selbst vor die Kamera. Die Familie erinnert sich an Beiträge, die im deutschen Fernsehen liefen.
Schon als Jugendlicher reiste Nutbohm mit dem Schiff nach New York. Als einer der ersten deutschen Austauschschüler nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte er dort eine Highschool. Später verkleinerte sein Beruf als Pilot die Entfernungen. Amerika, Südamerika und Südostasien wurden zu Stationen seines Lebens.
Auch Sport gehörte zum Alltag des Ehepaars. Zusammen spielten sie Tennis und Golf, fuhren Fahrrad und liefen Marathon. Mehrfach gingen sie beim Frankfurt-Marathon an den Start. Herbert-Dieter Nutbohm bewältigte die Strecke zeitweise in weniger als dreieinhalb Stunden. Sohn Nils erinnert sich besonders an den Berlin-Marathon 1988, den er gemeinsam mit seinem Vater lief. Solche Erlebnisse werden über Jahrzehnte zu festen Punkten im Familiengedächtnis.
Mehr als eine Zahl
65 Jahre Ehe lassen sich nicht allein in Tagen und Jahren messen. Sie bestehen aus Motorradfahrten, einer kleinen Wohnung in Wiesbaden, zwei Kindern, vier Enkeln, Lufthansa-Flügen, Marathonkilometern und Reisen über mehrere Kontinente. Sohn Nils versucht das Jubiläum in seiner Rede dennoch einzuordnen. Eisen stehe für Stärke, Beständigkeit und Unzerbrechlichkeit. Wichtiger sei für ihn aber etwas anderes: Seine Eltern hätten sich über Jahrzehnte immer wieder füreinander entschieden.
Nicht, weil alles immer perfekt gewesen wäre.
Gerade dieser Zusatz bewahrt die Feier vor sentimentaler Verklärung. 65 gemeinsame Jahre bedeuten nicht 65 Jahre ohne Streit, Sorgen oder Zweifel. Sie bedeuten, dass zwei Menschen gemeinsam lebten, arbeiteten, reisten, eine Familie gründeten und sich veränderten. Und geblieben sind.

„Dafür sind wir jeden Tag dankbar“
Kurz bevor der Film beginnt, liest Herbert-Dieter Nutbohm einen Satz vor, den er sich Wort für Wort aufgeschrieben hat. Er und Sabine hätten ein glückliches Leben geführt, ihre Kinder groß werden sehen und lebten in einer schönen Stadt, in einem demokratischen Land und in Freiheit.
„Dafür sind wir jeden Tag dankbar.“
Es ist ein politischer Satz am Ende einer sehr persönlichen Rede. Herbert-Dieter Nutbohm, Jahrgang 1938, erinnert sich an den Krieg. Vertreibung und Neubeginn gehören zu seiner Familiengeschichte. Aus dem Kind dieser Zeit wurde ein Austauschschüler, Lufthansa-Pilot, Vater, Hobbyfilmer und Marathonläufer.
Nun sitzt er mit seiner Frau im Wiesbadener Kino. Das Licht geht aus, der Film beginnt – und Sabine und Herbert-Dieter Nutbohm sitzen nebeneinander.
Foto – Sabine und Herbert-Dieter Nutbohm ©2026 Volker Watschounek
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