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Ute und Reiner Hamm stehen lächelnd und Arm in Arm in einem grünen Garten. Das Wiesbadener Ehepaar feiert 65 Jahre Ehe.

Ein Tritt auf die Füße – und 65 Jahre später

Er trat ihr in der Tanzschule auf die Füße, sie ließ ihn anschließend mehr als ein Jahr zappeln. Das war 1956. Heute feiern Ute und Reiner Hamm ihre Eiserne Hochzeit. Dazwischen liegen Familie und Firma, 20 Jahre Schweiz, Kanada, Südsee, Antarktis – und ziemlich viele Geschichten aus 65 Ehejahren.

Volker Watschounek 1 Woche vor 0

Er trat ihr auf die Füße, sie ließ ihn zappeln. Das war 1956. Heute feiern Ute und Reiner Hamm Eiserne Hochzeit. Sie erzählen von einer Ehe, die von Köln über Wiesbaden in die Schweiz und einmal um die Welt führte.

Manche Liebesgeschichten beginnen mit einem Kuss. Diese mit einem Tritt auf den Fuß. Es ist Oktober 1956. In einer Tanzschule in Köln lernen junge Männer, wie man führt, und junge Frauen, wie man sich führen lässt. Reiner Hamm steht Ute gegenüber – und tritt ihr prompt auf die Füße. „Die erste Berührung“, sagt er lachend. Romantisch war das nicht. Folgenlos auch nicht.

Reiner ist sofort interessiert. Ute ebenfalls – nur soll er das nicht gleich merken. „Ich habe ihn erst einmal zappeln lassen“, erzählt sie. „Mehr als ein Jahr“, ergänzt Reiner grinsend. Aufgeben? Keine Option. „Ich bleibe immer am Ball.“ Kurze Pause. „Auch beim Golf.“

Wer Ute und Reiner Hamm heute erlebt, versteht schnell, wie diese Ehe funktioniert. Einer erzählt, der andere ergänzt. Es wird widersprochen, korrigiert und viel gelacht. Gemeinsam setzen sie 65 Ehejahre zusammen – Erinnerung für Erinnerung.

Köln trifft Wiesbaden

Ute wächst in Köln-Weidenpesch auf, Reiner wird 1939 in Bad Kreuznach geboren. Ende 1944 flieht seine Familie wegen der Bombenangriffe zu den Großeltern nach Idstein, später ziehen sie nach Wiesbaden. Ute dagegen wächst mitten im kölschen Leben auf – und schnuppert früh große Musikwelt. Sie singt im Kinderchor vom Westdeutschen Rundfunk und erlebt bei Aufnahmen der Electrola Stars wie Peter Alexander, Caterina Valente, Bibi Johns und Peter Kraus.

Besonders gern erinnert sie sich an Cornelia Froboess. Die junge Sängerin sei in den Pausen oft zu den etwa gleichaltrigen Chorkindern gekommen. Erst ihre Eltern hätten sie wieder zurück in die Garderobe geholt. Ute ist damals zwölf oder dreizehn.

Als sie Reiner kennenlernt, stehen beide am Anfang ihres Berufslebens. Ute lässt sich zur Industriekauffrau ausbilden und arbeitet später im Controlling. Reiner beginnt seine Lehre bei der Nordstern-Versicherung in Köln. Viel Zeit füreinander bleibt nicht. Reiner, der zur Untermiete bei den Paffs wohnte, fährt an vielen Wochenenden zu seiner Familie nach Wiesbaden. Treffen müssen geplant werden. Fünf Jahre nach dem ersten Tritt auf die Füße heiraten sie.

Hochzeit in einem historischen Sommer

Am 31. August 1961 geben sich Ute und Reiner Hamm im Alten Rathaus am Wiesbadener Marktplatz standesamtlich das Ja-Wort. Am 2. September folgt die kirchliche Trauung in Sonnenberg, gefeiert wird anschließend im Schwarzen Bock. Es ist heiß, weit über 30 Grad.

Auch die Welt erlebt ein Jahr für die Geschichtsbücher: John F. Kennedy zieht ins Weiße Haus ein, Juri Gagarin fliegt als erster Mensch ins All, in Berlin wird die Mauer gebaut.

Während draußen Weltgeschichte geschrieben wird, beginnt für die Hamms der gemeinsame Alltag. Nur ganz kurz wohnen sie bei Reiners Eltern „Am Birnbaum“ in Sonnenberg. Es folgen die Hans-Sachs-Straße, die Flandernstraße und die Graf-Gerlach-Straße. 1975 kaufen sie eine Doppelhaushälfte in Bierstadt. Dass genau dieses Haus ein halbes Jahrhundert später wieder ihr Zuhause sein würde, ahnt damals niemand.

Sie hatte die Zahlen, er das Geschäft

Ute und Reiner teilen nicht nur ihr Privatleben. Sie arbeiten auch zusammen. Reiner führt das Versicherungs-Maklerunternehmen der Familie weiter und baut es aus. Zeitweise beschäftigt der Betrieb rund 70 Mitarbeiter. Ute steigt ebenfalls ein. Die Zuständigkeiten sind schnell geklärt. „Er hat von Zahlen nicht sehr viel Ahnung“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Reiner widerspricht nicht.

Sie übernimmt Buchhaltung und Finanzen, er kümmert sich ums operative Geschäft. Ehepaar, Eltern, Geschäftspartner – eine Mischung, an der Beziehungen scheitern können. Bei den Hamms funktioniert sie über Jahrzehnte. Mitte der 1990er-Jahre verkaufen sie das Unternehmen. Ruhestand? Nicht ganz. Sie ziehen in die Schweiz.

Aus dem Ferienhaus wird ein Zuhause

Eigentlich sollte Lenzerheide in dem schweizer Gebiet Arosa nie Lebensmittelpunkt werden. Reiners Vater hatte dort ein Grundstück gekauft und wollte ein Ferienhaus bauen. Dazu kam es leider nicht mehr. Ute und Reiner übernehmen die Pläne, entwickeln sie mit einem Architekten weiter und bauen selbst. Und nach dem Verkauf des Unternehmens wird aus dem Feriendomizil ein Zuhause. Ende der 1990er-Jahre ziehen die Hamms dauerhaft in die Schweiz und bleiben mehr als zwei Jahrzehnte.

Sie wandern, knüpfen Freundschaften, Reiner spielt Golf. Doch ein Gefühl von Heimat will sich nicht einstellen. „Wir sind immer Ausländer gewesen“, sagt Ute. Man habe Menschen eingeladen, sei selbst aber selten eingeladen worden. Die unsichtbare Grenze habe sich nie ganz aufgelöst. Mit zunehmendem Alter drängt sich zudem eine praktische Frage auf: Was passiert, wenn einer Hilfe braucht und die Familie fast 500 Kilometer entfernt lebt?

Der Sohn formuliert die Lösung knapp: Kommt zurück. 2019 verlassen die Hamms Lenzerheide. Zunächst ziehen sie nach Eppstein, später zurück nach Wiesbaden – ausgerechnet in das Haus, das sie 1975 gebaut hatten. „Wir wohnen hier paradiesisch“, findet Ute. Viel Grün, kurze Wege zu Ärzten und Geschäften, trotzdem Ruhe.
Nach Köln, Bad Kreuznach, Idstein, Wiesbaden, Lenzerheide und Eppstein schließt sich ein Kreis.

Die Welt als gemeinsames Reiseziel

Stillgestanden haben die Hamms selten. Fast alle Kontinente haben sie bereist. Besonders Kanada und Alaska ziehen sie immer wieder an. Sechsmal fahren sie dorthin, häufig mit dem Wohnmobil durch British Columbia. „Unbeschreiblich“, schwärmt Reiner. Ute liebt vor allem die Weite. Berge können ihr irgendwann sogar zu eng werden. Das Meer dagegen zieht sie magisch an. Das Mittelmeer? „Eine Badewanne“. Lieber Nordsee oder Atlantik – Wind, Wellen, Ebbe und Flut.

Auf Sylt gerät sie einmal in eine Sturmflut. Während andere im Hotel bleiben, zieht sie sich wetterfest an und geht hinaus. Sie kommt durchnässt zurück – und glücklich. „Das Meer muss leben.“ Ein Ziel steht deshalb noch auf ihrer Liste: die Bretagne. Wilde Küste, Atlantik, kleine Natursteinhäuser. Reiner winkt ab. „Das ist mir inzwischen zu anstrengend.“

Auch nach 65 Jahren muss man nicht jeden Traum teilen.

Zwischen Pinguinen und Südsee

Und doch teilen sie viel: Eine ihrer außergewöhnlichsten Reisen führt in die Antarktis. Mit einem Forschungsschiff fahren die Hamms durch Eislandschaften, vorbei an Gletschern und Robben. Unvergessen bleibt eine riesige Kolonie von Königspinguinen. Rund 200.000 Tiere samt Nachwuchs bevölkern die Küste. Die jungen Pinguine kommen neugierig näher und knabbern an Hosenbeinen und Schuhen. „Unfassbar.“

Fragt man Ute nach ihrer schönsten Reise, muss sie dagegen nicht überlegen: die Südsee. Mit einem Dreimastsegler geht es von Insel zu Insel, übernachtet wird in Bungalows direkt über dem Wasser. „Das war ein Träumchen.“ Reiner entscheidet sich für British Columbia und Alaska. Die Antarktis spiele ohnehin in einer eigenen Liga.

Vielleicht liegt darin eines der Geheimnisse dieser Ehe: gemeinsam die Welt entdecken, ohne immer derselben Meinung sein zu müssen.

Einmal Augusta reicht

Reiners zweite große Leidenschaft ist Golf. 2014 erfüllt er sich einen Traum und besucht mit einem Schweizer Freund das Masters in Augusta im US-Bundesstaat Georgia – einen der berühmtesten Golfplätze der Welt. Selbst gespielt hat er dort nie. Muss er auch nicht. Einmal die Atmosphäre erleben und die weltbesten Spieler aus nächster Nähe sehen – das genügt ihm.

Heute geht es sportlich etwas bodenständiger zu. Nach einer Schulteroperation beginnt Ute eine ambulante Reha. Die Trainingsmöglichkeiten gefallen ihr so gut, dass sie Reiner überredet mitzukommen. Er winkt zunächst ab, gibt schließlich nach. Inzwischen haben sich die Rollen vertauscht. „Komm, lass uns gehen“, sagt heute meist Reiner.

Bewegung, vernünftig essen, Freunde treffen, gelegentlich verreisen – viel komplizierter soll das Leben nicht mehr sein. Fernreisen stehen nicht mehr auf dem Programm. „Wir haben die Welt gesehen.“ Zuletzt ging es im Juni an den Tegernsee, Ende September stehen drei Wochen Sylt an. Mit dem Auto, ohne Zeitdruck. „Ohne Stress und ohne Druck, wir lassen alles ganz entspannt laufen.“

Alexander Gebauer sitzt lächelnd an einem Tisch und hält ein Glückwunschschreiben zur Eisernen Hochzeit in die Kamera.
Glückwünsche im Gepäck: Bierstadts Ortsvorsteher Alexander Gebauer gratuliert Ute und Reiner Hamm persönlich zur Eisernen Hochzeit. ©2026 Volker Watschounek

Glückwünsche mit Verspätung

Zur Eisernen Hochzeit gehören such offiziellen Glückwünsche. Der Magistrat lässt sich an diesem Tag zwar nicht persönlich blicken, dafür macht sich Bierstadts Ortsvorsteher Dr. Alexander Gehbauer auf den Weg zu den Hamms. Etwas später als geplant. Der Grund liegt nur wenige Kilometer entfernt: Zeitgleich wird die Heinrich-Pette-Straße in Hans-Joachim-Jentsch-Straße umbenannt. Gehbauer nimmt dort gemeinsam mit Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und weiteren Gästen an der Enthüllung des neuen Straßenschildes teil.

Als er schließlich bei Ute und Reiner Hamm eintrifft, kommt er nicht mit leeren Händen. Er überbringt die Glückwünsche von Hessens Ministerpräsidenten Boris Rhein und Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende samt Ehrenurkunden. Und für den gemeinsamen Toast gibt es eine Flasche Wiesbadener Adam-Sekt.

Wo ist die Zeit geblieben?

Am Ende stellt Reiner Hamm eine Frage, die nach 65 Ehejahren fast zwangsläufig kommt. „Wo ist die Zeit geblieben?“

Die Antwort steckt vermutlich in all den Geschichten, die Ute und Reiner an diesem Nachmittag erzählen. In jener Kölner Tanzschule, in der ein junger Mann seiner späteren Frau auf die Füße trat. In der Hochzeit an einem heißen Sommertag 1961. In zwei Kindern und einem Enkel. Im gemeinsamen Unternehmen, in mehr als 20 Jahren Schweiz und auf Reisen durch Kanada, Alaska, die Antarktis und die Südsee. Und schließlich wieder in Wiesbaden, in jenem Haus, das sie vor mehr als 50 Jahren gebaut haben.

Große Abenteuer brauchen Ute und Reiner Hamm heute nicht mehr. Sie wollen gesund bleiben, Freunde treffen, unterwegs sein. Vielleicht Sylt. Vielleicht doch noch einmal die Bretagne. Vor allem aber wollen sie weitermachen wie bisher: mit Humor, Neugier, Freiraum – und miteinander.

Als Reiner Hamm seiner Ute 1956 auf die Füße trat, konnte keiner von beiden ahnen, wohin dieser Fehltritt führen würde.

65 Jahre Ehe später lässt sich sagen: ziemlich weit.

Foto – Reiner und Ute Hamm ©2026 Volker Watschounek

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