Im Stadtjugendpfarramt helfen Ehrenamtliche Geflüchteten seit über zehn Jahren beim Deutschlernen und Ankommen.
Wer eine neue Sprache lernt, lernt meist mehr als Wörter und Grammatik. Im Evangelischen Stadtjugendpfarramt Wiesbaden bedeutet Deutschunterricht seit über zehn Jahren auch Orientierung, Gemeinschaft und ein Stück neue Heimat. Was einst als Unterstützung für junge Geflüchtete begann, die auf einen offiziellen Sprachkurs warteten, hat sich längst zu einem festen Integrationsangebot entwickelt.
Der Evangelische Jugendring initiierte die Kurse in einer Zeit, als viele Menschen aus Syrien und Afghanistan nach Deutschland kamen. Heute sitzen vor allem Frauen aus der Ukraine in den Unterrichtsräumen. Zweimal pro Woche treffen sie sich, um Deutsch zu lernen, Fragen zu stellen und Erfahrungen auszutauschen.
Mehr als Sprachunterricht
Getragen wird das Angebot von ehrenamtlichem Engagement. Die Pensionäre Sigrid Mertens, Reingard Denzer und Klaus-Jürgen Hellemeier unterrichten derzeit die Kurse. Das Stadtjugendpfarramt stellt Räume zur Verfügung, organisiert die Lehrkräfte und übernimmt sogar die Gebühren für staatliche Deutschprüfungen.
„Damals sind wir in Gemeinschaftsunterkünfte und Flüchtlingscafés gegangen und haben persönlich für die Kurse geworben“, erinnert sich Sigrid Mertens, die von Beginn an dabei ist. Inzwischen verbreitet sich das Angebot vor allem über Empfehlungen innerhalb der Communities. Dabei geht es längst nicht nur um Sprache. Die Teilnehmenden beschäftigen Fragen, die viele Menschen nach einer Flucht bewegen: Wie finde ich eine Wohnung? Welche Rechte und Pflichten habe ich? Wie funktioniert eine Nebenkostenabrechnung? Und wie ist der deutsche Staat aufgebaut?
„Die Sehnsucht nach der Heimat ist oft riesig“, sagt Mertens. Gerade deshalb seien die Kurse wichtige Orte der Begegnung. In den gemeinsamen Kaffeepausen entstünden Freundschaften, Netzwerke und oft auch neue Zuversicht.
Geschichten von Mut und Neuanfang
In mehr als einem Jahrzehnt haben die Ehrenamtlichen zahlreiche Lebenswege begleitet. Manche Geschichten seien tragisch, andere beeindruckend erfolgreich. Mertens berichtet von einer ukrainischen Künstlerin, die trotz persönlicher Schicksalsschläge ihren Lebensmut bewahrte. Sie erzählt von einer Mutter, die neben ihren eigenen Kindern zusätzlich ukrainische Pflegekinder aufnahm.
Besonders eindrücklich sei die Entwicklung eines jungen Irakers gewesen, der inzwischen Soziale Arbeit studiert und selbst mit Jugendlichen arbeitet. Auch eine Lehrerin aus Albanien habe sich sprachlich so stark entwickelt, dass sie heute nahezu akzentfrei und mit großer Sicherheit Deutsch spreche.
Integration braucht Begegnung
Für Klaus-Jürgen Hellemeier steht fest, dass Sprachunterricht allein nicht genügt. „Sprache muss im Alltag geübt werden – und genau das ist oft schwierig, weil es zu wenig Kontakt zu Deutschen gibt“, sagt er. Besonders in Berufen wie Pflege, Medizin oder Sozialarbeit komme zusätzlich die Fachsprache hinzu.
Auch Dekanatsjugendreferent Denis Wöhrle sieht weiterhin großen Bedarf. Viele Geflüchtete stünden bei der Jobsuche, der Anerkennung von Abschlüssen oder dem Spracherwerb vor hohen Hürden. Oft sei es der persönliche Einsatz engagierter Menschen, der den entscheidenden Unterschied mache.
Für Sigrid Mertens endet dieses Engagement nicht nach dem Unterricht. Sie organisiert Ausflüge und Begegnungen außerhalb der Kurse. Denn Integration, das zeigt die Wiesbadener Initiative seit mehr als zehn Jahren, beginnt dort, wo Menschen einander offen begegnen.
Symbolfoto ©2026 Andrea Wagenknecht
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Mehr über das Kursangebot im Evangelischen Dekanat Wiesbaden.




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