Wiesbaden bekommt ein zentrales Baustellenmanagement. Es soll Bauarbeiten koordinieren, Stillstand verkürzen und Staus vermeiden helfen.
Baustellen gehören zu Wiesbaden wie Kurhaus und Neroberg – nur ist die Zuneigung zu ihnen deutlich geringer. Mehr als 5.000 Baumaßnahmen finden nach Angaben der Stadt jedes Jahr im öffentlichen Straßenraum statt. Straßen werden saniert, Kanäle erneuert, Glasfaser und Versorgungsleitungen verlegt. Was technisch notwendig ist, wird im Alltag schnell zum Ärgernis, wenn Sperrungen aufeinandertreffen, Umleitungen selbst zur Baustelle werden oder hinter Absperrbaken tagelang kein Arbeiter zu sehen ist.
Die Wiesbadener Stadtverordneten wollen deshalb die Koordination neu ordnen. Mit großer Mehrheit beschloss das Parlament am Mittwochabend ein zentrales Baustellenmanagement. Der gemeinsame Antrag von CDU, Grünen, FDP und Volt wurde um Punkte der SPD ergänzt. Lediglich die Linke stimmte dagegen.
Das Ziel klingt zunächst schlicht: Wiesbaden soll weiter bauen können, ohne sich dabei selbst möglichst unnötig im Weg zu stehen.
Nicht nur erfassen, sondern steuern
Einen Baustellenkalender besitzt Wiesbaden längst. Die Stadt veröffentlicht zudem eine interaktive Übersicht ausgewählter aktueller und bevorstehender Maßnahmen in ihrem digitalen Zwilling. Angesichts von mehr als 5.000 Baustellen jährlich kann sie allerdings nur einen Teil davon darstellen.
Das neue Baustellenmanagement soll deshalb über die reine Information hinausgehen. Geplante Arbeiten verschiedener Ämter, städtischer Gesellschaften, Ver- und Entsorger sowie Telekommunikationsunternehmen sollen früher zusammengeführt werden. Zeichnet sich ab, dass sich zwei Maßnahmen gegenseitig blockieren, soll die Verwaltung gegensteuern.
Wie das funktionieren kann, beschrieb Verkehrsdezernent Andreas Kowols Nachfolger Stadtrat Dahlen anhand von Mainzer Straße und Rheinstraße. Dort hätten sich zwei Vorhaben zeitlich überschnitten. Nach einer Anpassung der Planungen sei eine Ausweichstrecke freigeblieben und zugleich die Bauzeit reduziert worden. Dass das Verkehrsdezernat die Planung in der Mainzer Straße aktuell entsprechend neu abstimmt, teilte die Stadt am selben Tag auch öffentlich mit. „Unser Ziel ist nicht weniger bauen, sondern besser koordiniertes Bauen“, sagte Dahlen in der Stadtverordnetenversammlung. Sein Anspruch: „Bauen ja, Stillstand nein.“
Wenn die Umleitung ebenfalls gesperrt ist
Genau dort setzt der Beschluss an. Künftig soll nicht mehr allein die einzelne Baustelle betrachtet werden. Das Baustellenmanagement soll das umliegende Verkehrsnetz mitdenken: Welche Ausweichroute bleibt offen? Was bedeutet eine Sperrung für Busse, Autos und Wirtschaftsverkehr? Können Radfahrer und Fußgänger die Baustelle sicher passieren?
Besonderes Gewicht erhalten Schul- und Rettungswege sowie die Barrierefreiheit. Denn eine auf dem Papier funktionierende Umleitung hilft wenig, wenn Busse im nächsten Engpass stecken oder Rettungsfahrzeuge wertvolle Zeit verlieren.
Auch kurzfristige Ereignisse sollen in diese Betrachtung einfließen. Ein Wasserrohrbruch lässt sich nicht Monate vorher in einen Kalender schreiben. Tritt er ein, soll jedoch rasch geprüft werden, welche bereits laufenden Arbeiten betroffen sind und ob Verkehrsführungen oder andere Baustellen angepasst werden können.
Kampf gegen die „Geisterbaustelle“
Politisch besonders dankbar ist ein Phänomen, das FDP-Stadtverordneter Winkelmann als „Geisterbaustellen“ bezeichnete: Absperrungen stehen, Fahrspuren fallen weg – doch auf der Baustelle selbst scheint nichts zu geschehen. Das Baustellenmanagement soll deshalb auch Instrumente prüfen, mit denen sich solche Stillstände verkürzen lassen. Dazu gehören Bonus- und Malus-Regelungen für Unternehmen ebenso wie Schichtmodelle.
Ganz neu ist die Debatte nicht. Schon frühere Beschlüsse und Anträge der Stadtpolitik beschäftigten sich mit koordinierter Baustellenplanung, transparenten Informationen und Bonus-Malus-Modellen. Ein Beschluss aus dem Jahr 2023 verlangte bereits ein ämterübergreifendes Baustellenmanagement und die Prüfung entsprechender Instrumente. Die SPD mahnte deshalb, aus einem neuen Namen müsse auch tatsächlich eine bessere Organisation entstehen. „Stellenneutral bedeutet ja nicht arbeitsneutral“, sagte ihr Stadtverordneter Becker. Wer Konflikte erkennen, Umleitungen koordinieren, Stillstände verfolgen und zugleich besser informieren solle, brauche dafür Arbeitszeit.
Die SPD will deshalb später überprüfen lassen, ob die Instrumente tatsächlich wirken: Verkürzen Prämien Bauzeiten? Lassen sich Sanktionen rechtssicher durchsetzen? Und entstehen dadurch womöglich zusätzliche Kosten?
Baustellen sollen schneller im Navi auftauchen
Ein weiterer Punkt kam auf Initiative der SPD hinzu. Sperrungen, Abbiegebeschränkungen und andere Behinderungen auf Hauptverkehrsachsen sollen weiterhin zügig an die Anbieter wichtiger Navigationssysteme gemeldet werden.
Denn die beste städtische Baustellenkarte nützt dem Autofahrer im Berufsverkehr wenig, wenn sein Navigationsgerät ihn weiterhin vor eine gesperrte Straße führt. Die Stadt soll deshalb sicherstellen, dass entsprechende Informationen möglichst schnell bei den Anbietern landen. Wie rasch diese sie anschließend übernehmen, liegt allerdings nicht allein in der Hand der Verwaltung.
Gleichzeitig sollen die vorhandenen digitalen Verkehrstafeln stärker für kurzfristige Informationen genutzt werden. Dahlen räumte in der Debatte ein, dass bei solchen Ad-hoc-Meldungen noch Verbesserungen möglich seien. Zusätzlich möchte er in der Stadt mobile digitale Hinweistafeln prüfen.
Mehr erklären, was hinter den Absperrungen passiert
Das neue Baustellenmanagement soll aber nicht nur Verkehrsströme, sondern auch Erwartungen steuern. Größere Baustellen sollen vor Ort verständlicher erklären, was gebaut wird, wer verantwortlich ist und wie lange die Arbeiten voraussichtlich dauern.
Das klingt nebensächlich, trifft aber einen Kern der Debatte. Der Ärger entstehe häufig nicht allein durch eine Sperrung. Er wachse vor allem dann, wenn niemand wisse, warum sie nötig sei – oder warum auf einer vermeintlich stillstehenden Baustelle gerade nichts geschehe, so Dahlen.
Grünen-Stadtverordneter Kraft warb deshalb dafür, Baustellen nicht nur als Störung wahrzunehmen. „Eine Stadt ist nicht fertig gebaut, eine Stadt wird immer weiter gebaut“, sagte er. Zugleich müsse die Verwaltung besser erklären, was geschieht und weshalb.
Dass Wiesbaden in den kommenden Jahren weniger Baustellen haben wird, erwartet im Rathaus ohnehin niemand. Fernwärme, Glasfaser, Stromnetze, Kanäle und Straßensanierungen werden weiter Flächen beanspruchen. Die Stadt selbst bezeichnet die Zahl von rund 5.000 Maßnahmen pro Jahr als weitgehend konstant. Auch in ihrer aktuellen Kommunikation setzt sie deshalb darauf, nicht die Zahl der Baustellen zu reduzieren, sondern ihre Auswirkungen durch bessere Abstimmung zu begrenzen.
Das zentrale Baustellenmanagement bekommt damit eine Aufgabe, deren Erfolg sich weniger an Organigrammen als auf Wiesbadens Straßen zeigen dürfte: daran, ob Umleitungen funktionieren, Sperrungen kürzer dauern – und ob hinter einer Absperrbake tatsächlich gebaut wird.
Foto – Baustelle trifft Hauptverkehrsachse: Arbeiten auf der Biebricher Allee können für Engstellen und Behinderungen im Wiesbadener Verkehr sorgen. KI-generiert
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