Wiesbaden nimmt Abschied von Achim Exner: Eine Trauerfeier voller Erinnerungen an Politik, Menschlichkeit und Humor.
Es passt zu Achim Exner, dass selbst sein eigener Abschied nicht einfach dem Zufall überlassen bleiben sollte. Der frühere Wiesbadener Oberbürgermeister und Ehrenbürger hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie seine Trauerfeier aussehen sollte. Musiker, die an diesem Tag in der Biebricher Hauptkirche spielten, hatte er zum Teil selbst angerufen. Die Anfrage soll ungefähr so geklungen haben: Er würde sie gerne für eine Feier engagieren – nur das Datum kenne er leider noch nicht.
Wenn Exner anschließend erklärte, um welche Feier es ging, sei es am anderen Ende der Leitung erst einmal still geworden. Er selbst habe darüber schmunzeln können. „Trauerfeier bitte nicht so traurig, ich hatte ein schönes Leben“, hatte Exner für seinen Abschied festgehalten.
Und so erzählte diese Trauerfeier nicht nur vom Tod eines früheren Oberbürgermeisters. Sie erzählte von einem Flüchtlingskind, einem Offizier mit SPD-Parteibuch, einem streitbaren Kommunalpolitiker, einem Sozialdezernenten mit Nähe zu den Menschen und einem Oberbürgermeister, der die Sorgen der Wiesbadener notfalls auf Bierdeckeln mit ins Rathaus nahm.

„Endlich einer, der lebt“
Schon das Motiv auf dem Programm führte zurück in den Wahlkampf 1989. Die Karikatur von Wolfgang Kater trug damals den Satz: „Denkmäler gibt es genug. Endlich einer, der lebt.“ Dazu gehörte eine typische Familiengeschichte. In der ursprünglichen Zeichnung war Exners Jeans am Knie aufgerissen. Seiner Mutter gefiel das nicht. Mit einer zerrissenen Hose könne ihr Sohn schließlich nicht auf einem Wahlplakat erscheinen. Also wurde die Zeichnung retuschiert.
Auf dem Motiv stand außerdem: „Einer von uns.“
Jahrzehnte später bekam dieser Satz in der voll besetzten Kirche eine neue Bedeutung. Seine Tochter brachte es auf den Punkt: Wenn sie sehe, wie viele Menschen gekommen seien, um sich von Achim Exner zu verabschieden, könne sie sagen: „Er war wirklich einer von uns.“
Vom Flüchtlingskind zum Biebricher
Exners Leben begann unter denkbar schwierigen Umständen. Er kam am 1. Dezember 1944 in Breslau, dem heutigen Wrocław, zur Welt. Nur wenige Wochen später musste seine Mutter Margarete mit dem Säugling vor dem Krieg fliehen. Überfüllte Züge, Luftalarm und Luftschutzbunker prägten die Reise in den Westen. Eine kurzfristige Entscheidung seiner Mutter rettete der Familie womöglich das Leben: Sie nahm nicht den ursprünglich vorgesehenen Zug. Dieser fuhr über Dresden und geriet dort in die Bombardierungen.
Nach zweieinhalb Tagen, sechs Zügen und zahlreichen Unterbrechungen erreichte die Familie die Gegend um Gießen. Anfang der Fünfzigerjahre zog sie nach Wiesbaden-Biebrich. Der Vater fand Arbeit bei Kalle. Wenige Jahre später zerbrach die Ehe; Exners Mutter zog ihre drei Kinder allein groß.
Biebrich wurde seine Heimat. Hier ging Exner zur Schule, hier wurde er konfirmiert – und hier fand nun seine Trauerfeier statt.
Aus dem Offizier wird der „rote Leutnant“
Sein Lebensweg war keineswegs vorgezeichnet. Exner wollte zunächst Kaufmann werden. Doch ein Verantwortlicher bei Kalle erkannte sein Potenzial und riet seiner Mutter, den Sohn weiter zur Schule zu schicken. 1964 machte Exner Abitur. Danach ging er zur Bundeswehr. Bereits mit 21 Jahren führte er zeitweise eine Einheit mit rund 250 Soldaten. Die Militärzeit habe ihn geprägt, erinnerte die Familie: Er lernte zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen und Menschen zu führen. Zugleich begann er, sich intensiv mit Politik auseinanderzusetzen.
Exner las Parteiprogramme. Willy Brandt beeindruckte ihn. 1966 trat er noch während seiner Bundeswehrzeit in die SPD ein. Sein Spitzname lautete fortan: „der rote Leutnant“. Nach der Bundeswehr studierte er in Mainz Volkswirtschaftslehre und Jura. Bald konzentrierte er sich auf die Volkswirtschaftslehre und schloss das Studium mit dem Diplom ab.
Politik sollte vor der Haustür etwas verändern
Die große politische Bühne interessierte Exner. Seine politische Heimat aber fand er in Wiesbaden. Bei den Jungsozialisten gehörte er zu jener Generation, die nicht nur über gesellschaftlichen Wandel diskutieren wollte. Sie wollte dort eingreifen, wo Politik das tägliche Leben prägt: bei Häusern, Straßen, Stadtvierteln und den Lebensbedingungen der Menschen.
1972 zog Exner in die Stadtverordnetenversammlung ein. Zunächst wählte ihn die SPD-Fraktion zum stellvertretenden Vorsitzenden, ein Jahr später zu ihrem Vorsitzenden. Eines Tages erschien Georg Buch in seinem Büro. Der frühere Wiesbadener Oberbürgermeister verlangte eine Stunde und erklärte dem jungen Fraktionschef, was seine Leute richtig machten – und vor allem, was sie falsch machten.
Buch kam wieder. Monat für Monat. Nach etwa einem Jahr soll er gesagt haben: „So, heute bin ich das letzte Mal da. Jetzt kannst du’s.“ Exner bezeichnete Buch später als eines seiner wichtigsten politischen Vorbilder. Ein Porträt des früheren Oberbürgermeisters hängt immer noch über seinem Schreibtisch.

Seine liebste Zeit im Rathaus
1982 wurde Exner Sozial- und Innendezernent. Nach den Erinnerungen seiner Tochter bezeichnete er diese Jahre rückblickend als seine schönste Zeit im Rathaus. Sie bedeuteten ihm sogar mehr als seine spätere Amtszeit als Oberbürgermeister.
Damals entstanden Projekte wie die Wiesbadener Jugendwerkstatt und die Domäne Mechtildshausen sowie Hilfsangebote für Menschen, die Unterstützung im Alltag brauchten. Für Exner zählte jedoch weniger die Institution als der Mensch dahinter. Er hörte zu, wollte Probleme verstehen und suchte nach Lösungen.
„Wer Angst davor hat, eine Fehlentscheidung zu treffen, der ist völlig daneben“, zitierte seine Tochter einen seiner Grundsätze.
Der Oberbürgermeister und die Bierdeckel
1985 wurde Exner Oberbürgermeister. Zwölf Jahre blieb er im Amt. Eine seiner ersten Entscheidungen zeigte, wie er seine Aufgabe verstand: Freitagnachmittags sollten Wiesbadener ohne Anmeldung zu ihm kommen und ihre Probleme schildern können. Der Andrang wurde so groß, dass das Rathaus später doch Termine vergeben musste.
Auch nach Feierabend ging die Bürgersprechstunde weiter. Nach langen Tagen im Rathaus kehrte Exner gerne in Wiesbadener Kneipen ein. Dort kam er schnell mit den Menschen ins Gespräch. Wer ihm ein Problem schilderte, bekam nicht selten einen Bierdeckel in die Hand. Name, Telefonnummer und ein Stichwort sollten darauf notiert werden. Exner steckte den Deckel ein und versprach, sich zu kümmern.
Für seine Mitarbeiter begann am nächsten Morgen der zweite Teil des Verfahrens: Exner leerte die Taschen seines Anzugs und legte die gesammelten Bierdeckel auf den Tisch. Innerhalb von zwei Wochen, so sein Versprechen, sollte jeder eine Antwort bekommen: Das Problem war gelöst, brauchte noch etwas Zeit – oder ließ sich nicht lösen.
„Es gibt sicherlich in keiner anderen Stadtverwaltung so viele Bierdeckel in den Akten wie in Wiesbaden“, sagte seine Tochter bei der Trauerfeier.

Handwerker im Goldenen Buch
Eine andere Geschichte führt in die Zeit der Rathaussanierung. Kurz vor Abschluss der Arbeiten entdeckte Exner, dass Handwerker ihre Namen an einer Wand hinterlassen hatten. Eine Holzvertäfelung sollte sie später verdecken. Exner sah darin keine Kritzelei, sondern den Stolz der Handwerker auf ihre Arbeit.
Als die Sanierung abgeschlossen war, ließ er die beteiligten Handwerker in einen der Festsäle kommen. Dort zeigte er ihnen das Goldene Buch der Landeshauptstadt – mit den Unterschriften von Kaiser Wilhelm II., von Königin Elisabeth, Kennedy, deutschen Kanzlern und anderen prominenten Gästen.
Dann bat der Oberbürgermeister die Handwerker, sich ebenfalls einzutragen.
Für seine Tochter steht diese Episode beispielhaft für Exners Verständnis von Gerechtigkeit. Ob im Kurhaus, in der Kneipe, im Theater oder im Sportverein – er habe Menschen nie nach ihrem Rang beurteilt.
Wiesbaden, Wrocław und der Blick über Grenzen
Exners Kommunalpolitik endete nicht an der Stadtgrenze. Die Städtepartnerschaften lagen ihm besonders am Herzen. Dazu gehörte auch die Verbindung nach Görlitz, vor allem aber die Annäherung an seine Geburtsstadt Wrocław.
Die Partnerschaft zwischen Wiesbaden und Wrocław entstand noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Für Exners Familie bedeutete sie weit mehr als kommunale Repräsentation. Zwei Städte fanden zueinander, deren Geschichte Krieg, Flucht, Vertreibung und verschobene Grenzen geprägt hatten.
Auch in Krisenzeiten nahm Exner das Wort Partnerschaft wörtlich. Als 1991 der Krieg in Slowenien ausbrach, fuhr er nach den Erinnerungen seiner Familie mit dem Auto nach Ljubljana, um Solidarität zu zeigen. Nach dem Golfkrieg reiste er nach Israel. Dort wollte er die Partnerstadt dabei unterstützen, Neugeborene vor möglichen Angriffen mit chemischen Waffen zu schützen.
Keine große Delegation, kein aufwendiges Programm – sondern hinfahren.
„Einer von uns“ blieb sein Prinzip
Fast drei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden aus dem Rathaus kannten ihn die Menschen noch immer. „Achim“ hätten sie gerufen, erinnerte seine Tochter – nur selten „Herr Exner“. In einem ihrer letzten Gespräche fragte sie ihn, woher er all die Jahre seine Energie genommen habe. Seine Antwort: Es habe ihm Kraft gegeben, dass die Menschen ihm vertrauten.
Vielleicht erklärt dieser Satz mehr über seine politische Karriere als Wahlergebnisse und Amtszeiten. Exner verstand sich als Teil der Stadt. Einmal habe er gesagt, er gehöre „zu 95 Prozent den Bürgern“.
Politische Gegner hatte er, politische Feinde offenbar kaum. Er konnte laut werden, temperamentvoll streiten und hartnäckig auf seiner Position beharren. Zugleich konnte er über sich selbst lachen.
Das Leben nach dem Rathaus
Als Wiesbaden die Direktwahl des Oberbürgermeisters einführte, kandidierte Exner nicht erneut. Die langen Jahre mit extremen Arbeitswochen und wenig Schlaf hatten Spuren hinterlassen.
Später engagierte er sich erneut politisch und sozial. 2003 kandidierte er für den Hessischen Landtag. Er verlor die Wahl, setzte sich aber weiterhin für Menschen in schwierigen Lebenslagen ein. In Biebrich entstand eine Anlaufstelle, in der Bürger ihm ihre Probleme schildern konnten – fast wie früher in seiner Bürgersprechstunde.
Auch dem Wiesbadener Sport blieb er verbunden. Beim Volleyball und dem VC Wiesbaden half er mit seinen Kontakten und seinem Organisationstalent, tragfähige Strukturen aufzubauen und den Weg in die Bundesliga zu ebnen.
Mit seiner Frau Tina begann zugleich ein ruhigeres Kapitel. Einen Teil des Jahres verbrachte Exner auf einer Karibikinsel der niederländischen Antillen. Dort war er weder Oberbürgermeister noch Ehrenbürger. Dort war er, wie seine Frau später schrieb, einfach Achim: der verrückte Deutsche auf dem Fahrrad, bei fast jedem Wetter im St.-Pauli-Shirt.

„Ich hatte ein schönes Leben“
Anfang 2026 erhielt Exner eine schwere Krebsdiagnose. Die Krankheit schritt schnell voran. Am 30. Juli 2026 starb Achim Exner. Für die Öffentlichkeit war er Oberbürgermeister, Ehrenbürger, Sozialdemokrat und eine prägende Figur der Wiesbadener Kommunalpolitik.
Für seine Töchter war er der Vater, der mit ihnen Fahrradtouren unternahm, kochte, Unsinn machte und bisweilen Dinge tat, die in keine politische Biografie passen. Auch deshalb hätte eine konventionelle Trauerfeier nicht zu ihm gepasst „Trauerfeier bitte nicht so traurig, ich hatte ein schönes Leben“, hatte Exner geschrieben.
Am Ende blieben in der Biebricher Hauptkirche nicht nur Trauer und Abschied. Es blieben Geschichten, Musik, Lachen – und die Erinnerung an einen Mann, der sein politisches Motto nicht nur auf Wahlplakate drucken ließ, sondern lebte: „Einer von uns.“ Als die Trauergesellschaft später vor der Kirche bei einem Glas Bier zusammenkam und den Abschied ausklingen ließ, konnte man sich gut vorstellen, dass Achim Exner irgendwo zuschaute und schmunzelte. Denn genauso hatte er sich diesen Tag gewünscht – und bis zuletzt selbst geplant.
Foto – Trauergottesdienst ©2026 Volker Watschounek
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Die Internetseite mit einer Liste der Ehrenbürger von Wiesbaden finden Sie unter www.wiesbaden.de.



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