Im Staatsarchiv begann ihre Liebe, in Wiesbaden ihr gemeinsames Leben. Barbara und Gert Brauer feiern heute 65 Jahre Ehe.
Wenn Gert Brauer erzählt, führen die Wege nach London, in hannoversche Archivbestände oder zurück in seine Kindheit. Barbara lässt ihn erzählen. Aber irgendwann muss auch ihre gemeinsame Geschichte wieder zu ihrem Recht kommen. „Mein Mann, der kann auch zwei Stunden erzählen“, sagt sie. Und wenn es darum geht, wie aus zwei Menschen ein Paar wurde, meldet sie sich selbst zu Wort: „Darf ich vielleicht auch was sagen?“
Sie darf. Natürlich. Wer den beiden zuhört, erlebt ein Gespräch, das seit Jahrzehnten läuft: Einer erinnert sich, die andere ergänzt, gelegentlich wird ein Datum verhandelt. Am 2. Oktober feiern Barbara und Dr. Gert Brauer ihre Eiserne Hochzeit. 65 Jahre Ehe, davon ebenso viele in Wiesbaden. Sie ist 86, er 95. Zwei Kinder, vier Enkel und ein Urenkel gehören inzwischen zu dieser Geschichte.
Der Mann hinter Glas
Begonnen hat alles im Staatsarchiv Hannover. Barbara arbeitete im Büro, schrieb auf der Schreibmaschine, nahm Diktate auf und stenografierte. Sie war die Jüngste, das „Archivküken“. Ein Kollege brachte ihr morgens Schokolade mit. Und im Benutzersaal saß ein junger Historiker hinter Glas, vertieft in seine Forschungen.
Sie sahen sich immer wieder. Doch angesprochen hat Gert sie draußen. Barbara war auf dem Weg zur Straßenbahn und blieb vor einem Schaufenster stehen. „Das habe ich immer gerne gemacht“, erzählt sie. Da bemerkte sie, wie sich jemand von hinten näherte. Er fragte, ob sie einmal ein Glas Wein trinken könnten. Ihr erstes verabredetes Treffen führte sie an den Maschsee. Samstagabend, Tanzmusik. „Wenn man sich ein bisschen näher kommen wollte, dann musste man einfach tanzen. So war das.“
Wann es genau funkte? Darauf einigen sie sich auch heute nicht. Es gab mehrere Treffen, meistens am Wochenende. Dazwischen fuhr er wieder fort, unter anderem nach London, wo er Quellen für seine Dissertation untersuchte. Barbara hätte ihn lieber öfter bei sich gehabt. „Das war nicht so schön.“
Acht Tage Herbstferien für die Hochzeitsreise
Am 2. Oktober 1961 heirateten sie in Hannover: um neun Uhr auf dem Standesamt, um elf in der Marktkirche. Anschließend ging es nach Wien. Für die Hochzeitsreise mussten acht Tage Herbstferien reichen. Denn Gert Brauer war bereits Lehrer in Wiesbaden. Im April hatte er an der Oranienschule begonnen. Das Haus wurde für ihn weit mehr als eine berufliche Station. Er blieb bis zur Pensionierung 1993, übernahm früh den Vorsitz des Personalrats und fühlte sich im Kollegium zu Hause.
Daneben unterrichtete er an der Humboldtschule, bis zu seinem 70. Lebensjahr. „Er konnte sich von der Schule nicht trennen“, sagt Barbara. Er erklärt es mit der Freiheit im Unterricht: „Im Klassenraum ist man sozusagen souverän.“
Als die Kinder aus dem Haus waren fand Barbara ebenfalls zurück ins Berufsleben, zurück in eine vertraute Arbeitswelt. Von 1979 bis 2000 arbeitete sie halbtags im Hessischen Hauptstaatsarchiv. Wieder Akten, wieder Geschichte. Diesmal in der Stadt, in der sie längst ihr gemeinsames Leben aufgebaut hatten.
Sonntags hinaus aus Wiesbaden
Für den Sonntag gab es bei den Brauers einen festen Plan: wandern. Hinaus in den Taunus, in den Rheingau, gelegentlich bis in den Spessart. „Jeden Sonntagmorgen sind wir losgezogen“, erzählt Barbara. Jahrzehntelang suchten sie neue Touren, packten zusammen und machten sich auf den Weg.
Die Kinder kamen mit, solange sie mitkommen wollten – oder sollten. „Die mussten mit, solange, bis sie nicht mehr wollten.“ Mit der Pubertät endeten die Familienwanderungen. Die Eltern gingen wieder zu zweit. Auch sonst blieb Gert in Bewegung. Sein Schwimmzeug lag im Auto. Fiel eine Unterrichtsstunde aus, nutzte er die freie Zeit fürs Bad. Barbara erzählt das mit einem Wort, das seinen damaligen Tatendrang gut trifft: „Schwupps.“
Die Welt jenseits von Wiesbaden erkundeten sie ebenfalls. USA, Israel, die Sowjetunion und viele Länder Europas. „Mein Mann hat immer nach Osten gezogen“, sagt Barbara. Ihr eigener Wunsch zeigte in eine andere Richtung: „Ich wollte immer gerne nach Süden.“
Die Sache mit dem Speisewagen
Barbara begleitete ihren Mann auch auf Studienfahrten. Gerade Reisen in die DDR sollten den Jugendlichen Einblicke geben, die im Unterricht allein kaum möglich waren. Unterwegs wollte Gert Brauer stets bei seinen Schülern bleiben, auch beim Essen. Barbara freute sich einmal auf den Speisewagen. Ihr Mann wandte ein: „Wir können nicht im Speisewagen sitzen und die Schüler können sich das nicht leisten.“
Also aßen sie die mitgebrachten Brote. Nur hielten sich die Jugendlichen keineswegs an die unausgesprochene Sparsamkeit ihrer Begleiter. „Die Schüler saßen nachher im Speisewagen“, erzählt Barbara. „Dann sag ich: Siehst du, und wir müssen verzichten.“
Es sind solche Geschichten, die eine lange Ehe greifbar machen: gemeinsame Unternehmungen, unterschiedliche Vorstellungen – und eine Pointe, die Jahrzehnte überdauert.
Aufeinander verlassen können
Nach der Schule engagierte sich Gert Brauer im Wiesbadener Seniorenbeirat, dem er auch als Vorsitzender vorstand. Seine Erinnerungen an Flucht, Lehrerleben und Ehrenamt hielt er fest; Die Unterlagen liegen im Stadtarchiv, Akte 286. Und Geschichte beschäftigt ihn bis heute.
Barbara nennt auf die Frage nach den kostbarsten Augenblicken etwas anderes: „Für mich waren Höhepunkte die Geburten unserer Kinder.“ Sohn und Tochter, später die Enkel, inzwischen ein Urenkel. Für sie da zu sein, gehört für beide zur Ehe – auch dann, wenn die Kinder längst erwachsen sind.
Und das Rezept für 65 gemeinsame Jahre? Gert verweist auf die Eltern, die durch schwierige Zeiten zusammenhielten, und spricht von Gnade. Barbara sagt, man müsse sich aufeinander verlassen können. „Weil das muss dann schon zur Selbstverständlichkeit werden. Und so war das ja auch bei uns.“
Die Familienfeier folgt in zwei Wochen, wenn Kinder und Freunde zusammenkommen können. Bis dahin gibt es noch viel zu erzählen. Und Barbara wird darauf achten, dass auch sie zu Wort kommt.
Foto – Seit 65 Jahren verheiratet: Barbara und Dr. Gert Brauer feiern am 2. Oktober ihre Eiserne Hochzeit. Wiesbaden wurde für das Paar zur gemeinsamen Heimat. ©2026 Volker Watschounek
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